TerrorSigmund01

Bezugnehmend auf einen angeblich von der Bundesstaatsanwaltschaft vereitelten möglichen Terroranschlag schreibt der „Ressortleiter Politik“ Thomas Sigmund in der heutigen Ausgabe des „Handelsblatt“: „Die deutschen Sicherheitsbehörden arbeiten professionell“„Die Bürger können unseren wachsamen Sicherheitsbehörden dankbar sein.“ Er meint hier jene Sicherheitsbehörden, die alles getan haben, um die vollständige Aufklärung des organisierten NSU-Terrorismus zu hintertreiben. Jene Behörden, die es nicht geschafft haben, mehr als nur eine winzige Handvoll Täter aus bald zweitausend Anschlägen auf Asylbewerberunterkünfte zu identifizieren. Jene Behörden, deren Personal im Bundesland Sachsen zu mindestens einem Viertel selbst aus Rechtsextremisten besteht. Jene Behörden, die die zweifelhaften Informationsweitergaben eines zweifelhaften französischen Geheimdienstes, erlangt aus zweifelhaften Geständnissen eines zweifelhaften terroristischen Kronzeugen dazu verwendet haben, um ein paar zweifelhafte Leute hinter Gitter zu stecken, denen man aber bislang keine konkrete Tatvorbereitung nachweisen konnte.

TerrorSigmund02

Derlei kritische Gedanken gehen einem Thomas Sigmund natürlich nicht durch den Kopf. Er schreibt stattdessen: „Es lohnt … ein Blick nach Israel“, denn „Davon kann auch Deutschland lernen“. Wie man nämlich mittels „ausgefeiltester Sicherheitstechniken“ jahrzehntelang mit dem Terror lebt. Und dann lässt er endlich die Katze aus dem Sack: „So bitter es ist: Die Bürger werden weiter an Freiheiten einbüßen, um sicher leben zu können.“ Denn: „In Deutschland wächst eine Hydra heran, der man gar nicht so schnell die Köpfe abschlagen kann, wie sie nachwachsen.“

Ach, lieber Herr Sigmund, bevor Sie Bilder aus der griechischen Mythologie bemühen, lesen Sie doch wenigstens bei Wikipedia nach: „Die ‚Hydra‘ gilt … als sprichwörtliches Gleichnis für Situationen, wo jeder Versuch einer Eindämmung oder Unterdrückung nur zu Ausweitung einer Eskalation führt. Die Hydra steht also für das, was man nur ‚kleinhalten‘ kann, indem man es unberührt lässt.“ Der frontale Angriff auf die angebliche Hydra legt also Verräterisches nahe: Dass sie nämlich wachsen SOLL! Der siech und schwindlig dahintaumelnde Endkapitalismus scheint dringend etwas zu suchen, das noch verwerflicher und gefährlicher erscheint als er selbst.

Offenbar braucht er für sein weiteres Überleben eine mehrheitlich geduldete, gewünschte, ja gar erflehte Einschränkung der informationellen Selbstbestimmung, die Hinnahme des angeblich Unvermeidlichen durch die sogenannte „demokratische“ Mehrheit der Gesellschaft. Dies ist die Richtung, aus der die übelriechenden Angstwinde des Herrn Sigmund tatsächlich wehen. So verhält es sich also … mit Thomas Sigmund, mit dem gegenwärtigen Kapitalismus und mit dem wunderbar systemerhaltenden Terror.

Übrigens: Was wurde eigentlich aus dem tatsächlich stattgefundenen, also nicht geheimdienstlich zusammenfantasierten Terroranschlag in Düsseldorf vom 27. Juli 2000 (Ackerstraße)? Damals wurden Einwanderer aus Russland, der Ukraine, Kasachstan und Aserbaidschan zum Teil lebensgefährlich verletzt, eine schwangere Frau verlor ihr Kind. Ein rechtsterroristischer Hintergrund wurde gemutmaßt. Die "professionellen deutschen Sicherheitsbehörden" schlossen die Ermittlungen nach neun Jahren ergebnislos ab. So sieht der Sauhaufen tatsächlich aus.

"Seit es die 'Alternative für Deutschland' gibt, besitzt auch unser Land eine Unmöglichkeitspartei, der die Sympathien zahlloser Frustrierter zufliegen. Sie mischt sich ins gesamteuropäische Konzert der Unqualifizierten mit landeseigenen Tönen ein." (Peter Sloterdijk aus: "Von politischen Epidemien" / "Handelsblatt" vom 15.-17. Juli 2016)

Wir haben der AfD dafür zu danken, dass sie ein wertvolles Gut ins Licht der Aufmerksamkeit zurückholte, das jahrzehntelang am Grund einer ekligen und verlogenen „Konsens“-Suppe gelegen hatte. Die Erkenntnis nämlich, dass jede Politik, die diesen Namen verdient, aus Feindschaft geboren und von Feindschaft getrieben ist. Erst wenn der Masse bewusst wird, dass im politischen Raum etwas Feindliches und daher Inakzeptables existiert, kann ein wirksamer politischer Kampf zu dessen Beseitigung beginnen.

Die „Alternativlosigkeit“, die wir von der sozial-konservativ-liberalen Riege der Wirtschafts- und Polittechnokraten bis zum Abwinken erklärt bekamen, war nichts anderes als der hilflose Versuch, ein allerletztes weißes Laken über die unerträglichen und mit konsensualen Mitteln unlösbaren Widersprüche unserer derzeitigen Gesellschaftsordnung zu breiten.

Dank der AfD ist die Phase dieses Schein-Konsenses beendet. Man sollte den Funktionären dieser Partei nicht übelnehmen, dass das von ihnen präsentierte Feindliche und Inakzeptable nur ein Pappkamerad ist. Sie wissen und können es eben nicht besser. Deshalb wiederholen sie mit ihrem primitiv-identitären Antiislamismus nur den gemeingefährlichen Unfug, den Nationalkonservative im Kaiserreich und in der Weimarer Republik mit dem Antisemitismus vorexerzierten.

Formal betrachtet hat die AfD also einen Volltreffer erzielt, indem sie einen essentiellen Mechanismus des politischen Kampfes wieder gängig und für breite Bevölkerungsgruppen zugänglich gemacht hat. Inhaltlich dagegen ist die Petry-Truppe völlig blind. Erreichte sie ihre politischen Ziele tatsächlich, würden sich die schon jetzt kaum mehr zu ertragenden Widersprüche unserer Gesellschaft nur noch weiter verschlimmern.

Es bleibt daher das ohnehin Wahrscheinliche zu wünschen übrig: Dass die AfD der historischen Dialektik zum Opfer fallen und von ebenjenem Mechanismus, den sie reaktivierte, im weiteren Verlauf aus dem Spiel gekickt werden wird.

"Aus meiner Verwerfung der AfD habe ich nie ein Geheimnis gemacht und dies bereits in einer Phase, als sie noch nicht die Fratzen des Antisemitismus, der Xenophobie und des Willens zur Verantwortungslosigkeit zeigte, die heute zutage getreten sind." (Peter Sloterdijk; a.a.O.)

ISIS-Denkmal in Landsberg am Lech

Ist das ein IS-Denkmal? In Landsberg?!

Wir prüfen derzeit eine Anzeige gegen die Stadt Landsberg wegen propagandistischer Unterstützung terroristischer Aktionen, Verherrlichung von Gewalt und öffentlicher Sympathiebekundung für fundamentalistische Ideologien.

Nein, Spaß beiseite. So ehrt die Stadt am Lech ihre gefallenen Helden aus dem 1870/71er-Krieg gegen Frankreich (übrigens: eine der Ursachen für Versailles 1919, das selbst wiederum eine der Ursachen für den Aufstieg des Anstreichers aus Braunau war).

Was unterscheidet diese Sicht auf „unsere“ „Helden“ von der Sicht gewisser Muslime auf „ihre“ „Märtyrer“? Dass die einen mit Karabiner und Bajonett im „Feindesland“ gefallen sind, die anderen mit Sprenggürteln bei den „Ungläubigen“? Dass sie angeblich im „heil’gen Kampfe“ fielen, wird von beiden Seiten behauptet. Erklärt uns mal jemand den Unterschied, bitte?

Über die frappierende Alternativlosigkeit in der deutschen Politik …

… und deren erschütternde Konsequenzen.

Wer die folgenden Zitate aus den Jahren 1973 bis 2011 einander gegenüberstellt, bekommt eine solide Antwort auf die Frage, wie die unsägliche Partei der Blaumiesen (vulgo „AfD“) in Deutschland zu derartiger Zustimmung gelangen konnte. Die AfD muss als genuines Produkt von Gerhard Schröder, Angela Merkel, Guido Westerwelle und anderen ignoranten Predigern der neoliberalen Alternativlosigkeit begriffen werden. Die vornehmste, systemerhaltende Funktion der AfD: Sie versammelt die Wutbürger und setzt sie zum Dampf ablassen auf die falsche Schiene. So verpufft deren Engagement. Statt funktionierende Lösungen für die eigentlichen Probleme zu finden, bekommen sie bei den Blaumiesen den Islam als Ursache für alle Übel dieser Welt angeboten. Darüber dürften sich vor allem die Profiteure des globalen finanzkapitalistischen Ausbeutersystems freuen. Für sie ist es eine bequeme Sache, wenn sie die Schuld an der kommenden Weltwirtschaftskrise auf einen Sündenbock abwälzen können.

Siehe auch das interessante Interview mit Georg Seeßlen auf SPON.

Aus der Jury-Begründung der „Gesellschaft für deutsche Sprache“, das Wort „alternativlos“ zum „Unwort des Jahres“ 2010 zu küren:

„Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.“

Aus Heinz von Foerster: „Über das Konstruieren von Möglichkeiten“ (1973):

„Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“

Aus Heinz von Foerster: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners: Gespräche für Skeptiker“ (1999):

„[Man soll] die Aktivitäten eines anderen nicht einschränken, sondern es wäre gut, sich auf eine Weise zu verhalten, die die Freiheit des anderen und der Gemeinschaft vergrößert. Denn je größer die Freiheit ist, desto größer sind die Wahlmöglichkeiten und desto eher ist auch die Chance gegeben, für die eigenen Handlungen Verantwortung zu übernehmen. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen. Nur wer frei ist – und immer auch anders agieren könnte –, kann verantwortlich handeln.“

Das Münchner Institut für Zeitgeschichte legt heute eine wissenschaftlich kommentierte Neuauflage von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ vor. Der britische Germanist Jeremy Adler findet das rechtlich fragwürdig, da es sich nach seiner Auffassung um eine Hetzschrift handelt. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk wendet er sich „dagegen, dass man aufrührerische, rassistische Texte wieder auflegt und verbreitet“ weil man nicht bestimmen könne, „wie eine solche Botschaft … aufgenommen wird …“.

Adlers Standpunkt ist grundsätzlich nachvollziehbar, wenn auch von rührender Hilflosigkeit. Ein kurzer Blick in den Internetbrowser macht deutlich, dass man das Werk jederzeit und aus verschiedenen Quellen in vollem Umfang lesen und herunterladen kann.

In den ersten vier Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg genügte es noch, „Mein Kampf“ öffentlich vorzutragen, um dessen gedankliche Erbärmlichkeit und geistige Enge zu vermitteln, denn die Erinnerung an den deutschen Hypernationalismus und dessen verheerende Folgen war der großen Mehrheit damals noch präsent. Ein geniales Beispiel der Entlarvung des Textes durch seine Rezitation lieferte Helmut Qualtinger in den 1970er-Jahren, hier der Ausschnitt einer Aufzeichnung von 1975:

Seit Mitte der 1980er-Jahre nahm die Unterordnung des Lebens unter den sich weiter globalisierenden wirtschaftlichen Verwertungskreislauf massiv an Fahrt auf. Der daraus von den politischen Führungen abgeleitete Mangel an Freiräumen führte zu einer behaupteten „Alternativlosigkeit“ und leistete in der Folge einer Wiederkehr rückwärtsgewandten nationalen Denkens Vorschub. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise von 2007 und einer wachsenden Fluchtbewegung aus zerstörten Staaten in Europas direkter Nachbarschaft fallen überwunden geglaubte ideologische Phrasen erneut auf fruchtbaren Boden. Man kann sich ausmalen, was geschehen wird, falls es demnächst zu einer weiteren und noch stärkeren Weltwirtschaftskrise kommen sollte.

So sehr diese neonationalistische Entwicklung zu bekämpfen ist: Mit einem Verbot von „Mein Kampf“ wird man weder positive Wirkungen erzielen noch negative Entwicklungen verhindern. Das Gebot der Stunde wäre ein neues, tiefgreifendes, gesellschaftsweites Nachdenken und Sichauseinandersetzen mit nachhaltigen Alternativen zum bestehenden Wirtschaftssystem. In unserem derzeitigen Parteienspektrum ist davon leider wenig bis gar nichts zu sehen. Dies öffnet den Raum sowohl für Demagogen als auch für schlichte Gemüter, die Heil in einer heillosen Vergangenheit suchen und dabei einen erneuten Zivilisationsbruch in Kauf nehmen.

„Let us be realists and demand the impossible: Communism.“

Der knapp einstündige Vortrag von Slavoj Žižek auf dem „Sydney Festival of Dangerous Ideas“ im Jahr 2011 ist kurzweilig und oft auch lustig. Auf jeden Fall aber anregend für jeden, der sich darüber Gedanken macht, wie ein neuer, aktueller, nachmarxscher Kommunismus aussehen könnte. Oder zumindest: worüber man unter anderem nachzudenken hätte, falls man sich ihn denn vorstellen wollte.

… to Ideology

Eine witzig gemachte Kurzeinführung in den manipulativen Umgang mit Angst als Mittel zur Erlangung und Sicherung von Macht. In Zeiten von AfD und Pegida auch in Deutschland wieder ein sehr aktuelles Thema. Von und mit Slavoj Žižek.

Beim Frühstück mussten mein Neffe Kevin und ich heute herzlich lachen.

Mit Extra-Hinweis auf der „Handelsblatt“-Titelseite darf „Kanzler-Enkel“ Patrick Adenauer in einem Beitrag die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel kritisieren und einer Absenkung des Mindestlohns das Wort sprechen. Damit die Flüchtlinge eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekämen, argumentiert Patrick. Damit der Mindestlohn in Deutschland auf Umwegen wieder abgeschafft wird, behaupten Kevin und ich.

Ein Lump, wer Schlechtes dabei denkt:

„Seit 1989 leitet er [Patrick Adenauer] zusammen mit seinem Bruder Paul Bauwens-Adenauer als Geschäftsführer die im Baugeschäft tätige Unternehmensgruppe Bauwens. Seit 1993 ist er auch deren Gesellschafter.“ (Wikipedia) Zur Erinnerung: Im Baugewerbe arbeiten überdurchschnittlich viele Migranten.

Übrigens:

Mein Neffe Kevin ist in direkter Linie mit Zar Alexander III. verwandt und Mitinhaber eines deutsch-tatarischen IMPEX-Unternehmens. Nur für den Fall, dass das Handelsblatt mal einen Russland-Experten benötigt.

Dankbarkeit für die Schöpfung und Staunen vor ihrer Größe. Davon kündet der pakistanische Sänger Nusrat Fateh Ali Khan (1948-1997) in diesem halbstündigen Qawwali. Berührend gerade für uns westliche Menschen, die wir die reinigende Kraft des Dankens nicht mehr kennen und nur noch gewöhnt sind, die Welt mit materiellen Maßstäben zu messen. Achtung: Wer keine Zeit und Geduld mitbringt, wird hier nichts finden.

"... timeo Danaos et dona ferentes." (Vergil)

Zig Milliarden.

Es geht nicht so sehr darum, dass jemand einen Betrag in außergewöhnlicher Höhe nach eigenem Gutdünken und zu selbst gesetzten Bedingungen für öffentliche Zwecke zur Verfügung stellt.

Das Problem liegt darin, dass er diese Summe privat erwerben konnte.

Sind wir ehrlich: Kein Mensch ist imstande, so viel Geld selbst zu verdienen, auch bei noch so hartem Einsatz, auch bei noch so großer persönlicher Begabung und Leistung. Gewinne in solchem Umfang werden auf der Grundlage intensiver Arbeitsteilung kollektiv erwirtschaftet. Im Fall von Facebook sogar gemeinsam mit den „Kunden“, also den „Usern“, denn deren Präsenz und deren massenweise zur Verfügung gestellte Daten sind es, was die Plattform wirtschaftlich überhaupt so interessant macht. Wir stellen daher fest:

Ein so absurd hoher privater Gewinn ist nur aufgrund eines anachronistischen Eigentumsbegriffs möglich.

Dass Einzelpersonen sich derartige Vermögen aneignen und frei über sie verfügen können, ist hochgradig ungerecht und demokratiegefährdend. Der Gleichheitsgrundsatz moderner Verfassungen wird durch so grotesk verschobene Wertmaßstäbe verbogen und letztlich außer Kraft gesetzt.

Wo gemeinschaftliche Mitwirkung zu privat angeeignetem Gewinn wird, pervertieren Rückflüsse an die Allgemeinheit zu reinen Almosen, die den Vielen von einer winzigen anmaßenden Minderheit gewährt oder auch versagt werden können. Aus der Selbstverständlichkeit „Was wir gemeinsam geschaffen haben, kommt uns allen zugute“, wird ein selbstherrliches „Seid dankbar, dass wir Euch etwas abgeben.“

Plutokraten wie Warren Buffet, Bill Gates oder Mark Zuckerberg erschwindeln sich mit ihrem vermeintlich spendablen Return an die Gesellschaft das Image von Wohltätern. Indem sie „großzügig“ geben, was ihnen nach einem zeitgemäßeren weil angemessenerem Eigentumsrecht gar nicht zustehen würde, erweitern sie ihren gesellschaftlichen Einfluss als Grundlage von noch mehr Macht und Gewinn in der Zukunft.

„Can we connect the world so you have access to every idea, person and opportunity?“

Zuckerberg hat in „A letter to our daughter“ deutlich gemacht, dass er – auch mithilfe seiner „Spenden“ – die ganze Menschheit für ein universelles, alternativloses und omnipotentes Facebook sturmreif schießen möchte.

Die ebenso monotone wie monopolistische Schaltzentrale des Großen Bruders soll also das Ergebnis einer von Milliarden Menschen hervorgebrachten wirtschaftlichen und kulturellen Vielfalt sein? Der kalifornische Techno-Totalitarismus als die Endlösung der Menschheitsprobleme? Kein intelligenter, politisch denkender Mensch kann so etwas wollen.

Das Wirtschaften muss weltweit vielfältiger und demokratischer werden

Wie schrieb Zuckerberg seiner Tochter Max so schön ins Stammbuch: „Like all parents, we want you to grow up in a world better than ours today.“ Max wird sie hoffentlich erleben. Eine Welt mit breiter und gerechter Beteiligung am gemeinsam geschaffenen Gewinn.

meint der Kulturpolitiker und Philosoph Julian Nida-Rümelin

angesichts der Tatsache, dass Angela Merkel den aus Syrien Fliehenden einerseits helfen will, aber zugleich mit der Türkei darüber berät, wie die Flucht von Syrern nach Europa zukünftig unterbunden werden könnte.

Ein weiteres Beispiel für Unstimmigkeit in der deutschen Politik sieht er in der Tatsache, dass die Unionsparteien nun seit Jahrzehnten ein Einwanderungsgesetz verhindert haben, das eine geregelte Zuwanderung nach Deutschland ermöglicht hätte, dass angesichts der gegenwärtig sich ereignenden unkontrollierten Flüchtlingsströme nun aber plötzlich auch in der Union davon gesprochen wird, Deutschland benötige aufgrund seiner demografischen Entwicklung sowieso dringend mehr Zuwanderung.

Die Politik muss sich an Regeln halten“

„Da passen die Dinge nicht zusammen und damit macht sich die Politik unglaubwürdig“, so Nida-Rümelin in einem Interview mit Wolfgang Koczian im Deutschlandfunk. Die Bürger müssten sich darauf verlassen können, dass die Informationen im Großen und Ganzen stimmen, die sie bekommen. „Die Politik muss sich an bestimmte Regeln, zum Beispiel Regeln der Wahrhaftigkeit, der Verlässlichkeit halten, sonst bricht … die zivile Ordnung zusammen.“

Die Dimensionen im Auge behalten

Eine Million Zugewanderte – eine Zahl, der man sich im Moment nähert – könne man wohl integrieren, auch inklusive des noch zu erwartenden Familiennachzugs. Aber es könne nicht sein, dass Deutschland auf Dauer das Signal aussendet, seine Grenzen seien offen. Bei 15 Millionen Flüchtlingen im Nahen Osten sei das eine völlig illusorische Botschaft. Es gehe da dann um „Dimensionen, die auch dieses reiche Land nicht mehr verkraftet.“

Es sei völlig legitim, dass es in den europäischen Staaten sehr unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie mit Immigration umzugehen sei. Es sei in Ordnung, dass Deutschland auch aus seiner Geschichte heraus ein unbegrenztes Recht auf Asyl gewähre. Aber andere Staaten hätten auch das Recht „Immigration nur in kleinem Umfang“ zu wollen.

Wenn Angela Merkel entscheidet, „die Grenzen zu öffnen und damit die Dublin-Ordnung außer Kraft setzt, dann kann sie in der Tat nicht erwarten, dass die Folgen, … die durch diese Entscheidung zustande gekommen sind, … sich gleichmäßig verteilen nach Königsteiner Schlüssel oder wie auch immer auf die EU-Mitgliedsstaaten.“

Intelligente Politik ist jetzt gefragt

Nida-Rümelin führt damit eine weitere Inkonsistenz in der Merkelschen Politik an. Denn das deutsche Begehren nach Verteilung der derzeitigen riesigen Migrationslasten sei „ja genau das, was Deutschland an Griechenland kritisiert hat: erst Schulden machen und dann sagen, jetzt verteilen wir die Schulden gleichmäßig auf alle EU-Mitgliedsstaaten.“

„Was jetzt deutlich wird, ist …“, schlussfolgert Nida-Rümelin und spricht damit letztlich alle Parteien im Deutschen Bundestag an, „dass man diese üblichen weichen, auch oft mit Selbstbetrug verbundenen Wege nicht mehr gehen kann.“ Es gehe heute „… nicht so sehr um liberal oder nichtliberal oder rechts und links, sondern um intelligent oder unintelligent.“

„Nur eines haben die USA und Europa mit Arabern und Persern noch nicht probiert: sie zu behandeln wie Menschen.“

So sehr ich Bernd Ulrich in diesem Beitrag angegangen bin, so sehr muss ich ihm zu seinem jüngsten Kommentar in der Zeit gratulieren („Naivität des Bösen“).

Darin bekommt eine – von so vielen derzeit nur hilflos herbeigeflehte – Realpolitik im Angesicht der großen Flüchtlingswanderung auf einmal einen Hauch von Plausibilität und Menschlichkeit (s. Überschrift). Man mag dem einen oder anderen Absatz darin ruhig distanziert bis ablehnend gegenüberstehen, im Großen und Ganzen ist es ein sehr überzeugender Text, eine Art hinskizzierte Handlungsanleitung mit praktikablen Vorschlägen und mutmachenden Vergleichen. Man wünschte, so pragmatisch und zugleich grundsatzfest würde in den Staatskanzleien und Unternehmensleitungen von München bis Berlin, von Stockholm bis Rom und von Lissabon bis Warschau auch gedacht.

I. Da treffen zwei aufeinander, …

… zwei Geistesverwandte, nein halt, von Geist kann ja keine Rede sein. Es sind Brüder im Ungeist, die sich im Zeichen des Galgens begegnen.

Auf der einen Seite jener Galgen, an dem Julius Streicher im Oktober 1946 als einer der deutschen Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg gehängt wurde. Auf der anderen der Galgen, an dem die deutsche Kanzlerin und ihr Vizekanzler sterben sollen, wenn es nach den Wünschen eines Pegida-Demonstranten im Oktober 2015 gehen würde.

Nur wenige Tage danach, am 19. Oktober 2015 hielt Akif Pirinçci dann auf einer weiteren Pegidademonstration in Dresden eine 27 Minuten lange Rede, auf der er es mühelos schaffte, das unterirdische Niveau von Streichers antisemitischem Hetzblatt „Der Stürmer“ noch um Längen zu unterbieten.

Ein paar Beispiele? Bittesehr:

„Warum betreibt der Jude Rassenschande an der deutschen Frau planmäßig und massenhaft?“ (Der Stürmer)

(Pirinçci in Dresden) „… und wenn sie so eine Unverschleierte erblicken, dann bekommen sie womöglich noch einen Herzinfarkt, nachdem sie über sie hergefallen sind und in sie ihren Moslemsaft reingepumpt haben.“

„Was sind die Folgen der Rassenschande für das deutsche Volk? (Der Stürmer)

(Pirinçci in Dresden) „Bereits in ein paar Monaten werden Zwangseinquartierungen in ganz gewöhnliche Wohnungen und Häuser erfolgen, damit die kräftigen Männer aus dem Morgenland und aus der Savanne nicht so frieren müssen und fit für den Vergewaltigungsfrühling sind.“

„Die Juden sind unser Unglück!“ (Der Stürmer)

(Pirinçci in Dresden) „Gerade hörte ich, dass die Familienzerstörungsministerin Manuela Schwesig verkündigt, dass jeder Depp, der es nach Lala-Land geschafft hat, sieben Familienangehörige nachholen wird. Das scheint wohl von der Lala-Regierung in Berlin auch schon abgenickt worden zu sein. Super! Dann hätten wir mit den sogenannten Altfällen eine vorzügliche Moslem-Müllhalde zusammen, von der aus künftig bestimmt wird, wie wir zu leben haben, nämlich in einer Müllhalde.“

„Wo man dem Juden untertan, ist Freiheit nur ein leerer Wahn.“ (Der Stürmer)

(Pirinçci in Dresden) „Obwohl Deutschland gegenwärtig mit seinen künftigen Schlachtern durchflutet wird, ist die Mehrheit darin immer noch völlig entspannt und ist der Ansicht, dass in den folgenden fünf Jahren noch sieben Millionen Moslems vielleicht noch ein paar vernachlässigbare Details wie Meinungsfreiheit, die sexuelle Freiheit oder die körperliche Unversehrtheit in dieser Republik abschaffen werden, aber Gottseidank niemals die Fußballübertragungen im Fernsehen.“

„Weit unterdurchschnittlicher IQ“

Viele führende Nationalsozialisten beklagten bereits 1935, daß die Primitivität des „Stürmers“ sich äußerst unvorteilhaft für die NSDAP auswirke und versuchten, Streicher zu entmachten, was aber an der Verbundenheit Hitlers mit dem fanatischen Antisemiten scheiterte.

Lag es vielleicht am Hitlerbärtchen, dass Lutz Bachmann jemanden wie Pirinçci auf der Pegida-Demo sprechen ließ? Nach Pirinçcis Rede wirkte der Chefpegidist dann jedenfalls gar nicht mehr so glücklich über seine Rednerauswahl. Nun, nicht jeder ist befähigt, aus der Geschichte zu lernen.

Übrigens: Julius Streicher war vom Gefängnispsychologen Gustave M. Gilbert in Nürnberg ein „weit unterdurchschnittlicher IQ“ bescheinigt worden.

II. Der Skandal ist da. Die Presse kocht.

Und worauf stürzt sie sich? Trotz des geballten und obszönen Antiislamismus Pirinçcis pickt sie doch glatt wieder nur das einzige antisemitisch erscheinende Zitat heraus: „Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“. Nur: Pirinçci meint hier gar nicht die Juden, sondern er schlägt sarkastisch vor, die deutsche Regierung könne doch die lästigen einheimischen Zuwanderungskritiker in KZs entsorgen. War dieser peinliche Mangel an journalistischer Genauigkeit nun Absicht oder pure Trägheit und Denkfaulheit, … oder beides!? Mit solchen Fehlleistungen schießen sich die Herren und Damen der Presse ins eigene Bein. Noch schlimmer: sie geben rechten Medienkritikern, die von einer parteilichen und ferngesteuerten „Lügenpresse“ sprechen, erneut Argumente an die Hand.

III. Notwendiger Paukenschlag

Aber zurück zu Wichtigerem: Jetzt wäre genau der richtige Moment, um von Seiten der Justiz auch einmal einen Paukenschlag gegen antiislamische Volksverhetzung zu setzen. Es würde unserem gesellschaftlichen Dialog sicher gut tun, wenn mal zackig klargestellt würde, wo die Grenzen von Recht und Anstand verlaufen und welche Konsequenzen es nach sich zieht, diese Grenzen vorsätzlich zu verletzen.

Zu dieser Forderung passt auch die Nachricht, dass just am heutigen Tag in Lyon ein Gerichtsverfahren gegen Marine Le Pen wegen Anstiftung zum Rassenhass eröffnet wurde. Der Anlass waren heftige antiislamische Beleidigungen.

Wie war das doch gleich: Frankreich und Deutschland erfüllen zusammen eine wichtige Vorbildrolle für das geeinte Europa? Dieser Anspruch ließe sich angesichts von Pegida-Galgen, Messerstichen und Verbalinjurien übelster Sorte nun einmal anschaulich mit Leben füllen. Danach würde sicherlich wieder etwas mehr Sachlichkeit in die öffentliche Diskussion einziehen.

Nachtrag (20. 10. 2015): Die Reaktion Lutz Bachmanns beweist, wie groß die Angst der Pegidisten vor einem solch konsequenten Schritt der Justiz tatsächlich ist.

IV. Schlussbemerkungen

Wäre man zynisch, könnte man sagen: Was wollt Ihr denn? Noch kein Türkischstämmiger hat sich derart perfekt in den untersten deutschen Bodensatz integriert, wie Akif Pirinçci!

Für den Feinfühligeren dagegen stellt sich Akif Pirinçcis Weg vom jungen Immigranten über den auch wirtschaftlich höchst erfolgreichen Romanautor bis hin zum Demokasper fürs ultrarechte Imbezillen- und Psychopathenspektrum als die Tragödie eines offenbar haltlosen und labilen Menschen dar, der nicht rechtzeitig nach Hilfe gesucht hat, um mit den Verwerfungen seiner Seele fertig zu werden. Aber was nicht ist, kann ja vielleicht noch werden. Man würde es ihm von Herzen wünschen.

Unwillentlich (aber vielleicht doch von irgendwo aus dem Unbewussten gesteuert?) hat Akif Pirinçci mit seiner Rede der Pegida-Bewegung und den zunehmenden rechtsextremistischen Tendenzen in Deutschland jedenfalls schweren Schaden zugefügt. Es war der Abend, an dem das Monster in all seiner Hässlichkeit für jedermann sichtbar wurde. So hässlich, dass selbst Pegida-Demonstranten „Aufhören!“ riefen.

Dass die aussichtsreichste Kandidatin am Tag vor der Wahl niedergestochen wird, ist der schrille Skandal der Bürgermeisterwahl 2015 in Köln

Der stillere zweite Skandal folgte dann am Abend des Wahltags, als feststand, dass Frau Reker mit lediglich 21,2 Prozent der Wählerstimmen die absolute Mehrheit erreicht hat. Wo sechs von zehn Stimmberechtigten nicht zur Wahl gehen, darf und muss man heftige Zweifel am Funktionieren der Demokratie äußern, selbst wenn man Angst vor einer möglichen defätistischen Wirkung dieser Analyse hätte. Doch Angst ist ein ebenso miserabler Ratgeber wie Gleichgültigkeit.

Fortiter in re, suaviter in modo

Wir Bürger müssen begreifen, dass der Wagen des Gemeinwohls nicht mehr in die gewünschte Richtung fährt, wenn wir die Zügel einfach loslassen. Wir müssen verstehen, dass es auf jeden Einzelnen ankommt, wenn wir geordnete und gedeihliche Verhältnisse bewahren oder wieder herstellen wollen. Es ist allerhöchste Zeit, mehr Interesse an der Politik zu entwickeln und zu zeigen. Am besten nach Graswurzelart, in der direkten Umgebung, vor Ort. Am besten offen, unideologisch und sachorientiert. Am besten ruhig im Ton aber mit Nachdruck in der Sache.

Gemeinwesen oder gemeines Wesen?

Wer stattdessen die notwendige Politik von unten kampflos den Populisten und Schreihälsen überlässt, braucht sich nicht zu wundern, wenn unser Gemeinwesen sich nach und nach in ein gemeines Wesen verwandelt. Die Verrohung und Simplifizierung breitet sich zur Zeit mit zunehmender Geschwindigkeit aus. Wer jetzt und heute nicht am eigenen Ort und in eigener Sache politisch wird, braucht sich morgen nicht mehr darüber beschweren, dass die Welt ganz anders ist als er sie gern gehabt hätte. Denn er selbst hätte sie dann ja sehenden Auges verlottern und verlumpen lassen.

Er habe Angst vor der Scharia
sagte Frank S.
nachdem er
auf offener Straße
eine wehrlose Frau
niedergestochen hatte

Woher er das Messer nahm
wissen wir nicht
Wohl aber
woher sein Stichwort kam

Das Handelsblatt berichtet heute im achtseitigen Wochenendspecial unter der Überschrift „Die nächste Revolution“ über „die neue Industriewelt“ und „das Leben und Überleben im digitalen Zeitalter“. Anlässlich der Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2015 wird das Werk „The Second Machine Age“ der MIT-Mitarbeiter Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vorgestellt.

Wir erfahren darin kaum etwas, das nicht bereits jahrein jahraus in zahllosen größeren und kleineren Handelsblatt-Beiträgen über „digitale Revolution“ und „Industrie 4.0“ heraus- und herumtrompetet worden wäre. Man kennt die Fanfarenstöße: exponentielles Wachstum … digitaler Fortschritt … humanoider Roboter … digitale Welt … revolutionärer Fortschritt … gravierende Veränderung … und so weiter und so fort.

Erstaunlicherweise wird auch der frühe MIT-Robotiker Hans Moravec mal wieder erwähnt, dessen technologische Visionen heute kaum mehr zitiert werden, wohl weil sie in Bezug auf die Ziele und Konsequenzen der Robotik eine nur schwer noch zu ertragende naive Offenheit an den Tag legen. Etwa als er prophezeite, man werde die Menschheit mittels der neuen Technologien schon bald in den wohlverdienten Ruhestand schicken.

So etwas klingt heute nicht mehr ganz so schick wie damals in den 80er- und 90er-Jahren, weil die Menschheit zu realisieren beginnt, dass die Folgen der neuen Technologien für die überwältigende Mehrheit den Marsch in prekäre Beschäftigung und anschließend in noch prekärere Altersarmut bedeuten werden.

Davon erfahren wir im Handelsblatt-Wochenend-Special aber leider kaum etwas. Wie denn nun die Früchte der fortgesetzten gewaltigen Produktivitätssteigerungen gerecht unter den Menschen aufzuteilen wären, das bleibt weitgehend unerörtert. Dabei ist dies die wichtigste aller Fragen.

Ihre Nichtlösung im Zuge der ersten industriellen Revolution hat zu zwei Weltkriegen geführt. Massive Vermögensvernichtung und materielle Umverteilung haben im Ergebnis dieser Kriege vorübergehend zu einer etwas größeren materiellen Gleichheit geführt. Eine dreieinhalb Jahrzehnte währende Phase breiterer und gerechterer Verteilung des erwirtschafteten Reichtums schloss sich an.

Heute stehen wir aber einer neuen großen Ungleichheit gegenüber, einer noch massiveren. Und wieder bringt die technologische Weiterentwicklung die alte Frage auf die Tagesordnung: Wie soll, wie muss verteilt werden, damit es nicht zur gesellschaftlichen Kernschmelze kommt?

Im Zeitalter der Digitalisierung scheint die Lösung dieses Problems zu einer Conditio sine qua non für das Überleben der Menschheit geworden zu sein. Nach einem Dritten Weltkrieg, der sich gerade in seinen ersten Vorbereitungen wetterleuchtend abzuzeichnen scheint, würde die Welt wohl nicht mehr so wiederaufbaubar aussehen, wie nach den ersten beiden.

Was finden wir nun im ellenlangen Text des Handelsblatt-Specials vom 16. Oktober 2015 bezüglich der alles entscheidenden Verteilungsfrage? Es sind nur zwei kleine Sätzchen. Sie gehen so:

Brynjolfsson: „Wir brauchen ein Sicherheitsnetz. Zum Beispiel, indem wir bestimmte Löhne subventionieren oder eines Tages über ein garantiertes Existenzminimum nachdenken.“

„… eines Tages …“ „… nachdenken.“

Das wird nicht reichen.

Der US-amerikanische Künstler Trevor Paglen hat Werkzeuge entwickelt und Wege gefunden, für die Öffentlichkeit Unsichtbares sichtbar zu machen. So entstanden Fotos von Militär- und Geheimdienstbasen aus Entfernungen von Dutzenden Kilometern, von Drohnen, von Spionagesatelliten und vieles andere mehr. Das neunminütige Video bietet einen interessanten Einblick in Paglens Arbeit.

Atomkraft? Nie wieder!

so lautet die Überschrift des Handelsblatts in seiner Wochendausgabe vom 9. Oktober 2015. Auf ganzen zehn Seiten wird in einem reich bebilderten Special über die Geschichte der bundesdeutschen Atompolitik und -wirtschaft berichtet. Der Teasertext geht so:

„Zu riskant, zu teuer: Die Geschichte der Kernenergie in Deutschland ist ein einzigartiges Fiasko – zumal jetzt auch noch die Bürger für die finanziellen Folgen geradestehen soll. Deutschland hätte sich auf dieses Abenteuer nie einlassen dürfen, das am Ende mehrere Hundert Milliarden Euro kosten könnte.“

In diesem Text gibt es nur einen Fehler: das Wort „einzigartig“. Denn vom Ergebnis her betrachtet wird der rücksichtlose Verbrauch der weltweiten Erdölreserven in einem Zeitraum von ein bis zwei Dutzend Jahrzehnten ein mindestens ebenso großes Fiasko gewesen sein. Mit einer gewiss noch wesentlich größeren Gesamtschadenssumme. In diese werden alle vom Klimawandel verursachten Schäden einfließen sowie die Kosten aller Präventivmaßnahmen zur Schadensvermeidung. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es dabei um eine Größenordnung von zig Billionen Euro gehen, vorsichtig geschätzt.

Besonders belastend und verwerflich: die Verschwendung riesiger Erdölressourcen für den Individualverkehr und für Wegwerfprodukte aus Kunststoff. Im Augenblick erhalten wir die ersten realistischen Einschätzungen über die Mengen von Plastikabfällen in den Weltmeeren und über die Zeiträume, die für deren natürlichen Abbau voraussichtlich benötigt werden.

Noch sehr wenig stichhaltige Aussagen lassen sich derzeit über die Folgen dieser Umweltbelastung für Tiere und Pflanzen und in der Folge für die gesamte Nahrungskette machen. Aber auch hier wird man wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, dass die erzielten satten Gewinne für einige Wenige in keinerlei vernünftigem Verhältnis zu den gewaltigen Schäden für alle stehen.

Und während dieser Textbeitrag entsteht, werden weltweit bereits viele neue und in ihren Langfristwirkungen noch kaum oder gar nicht erforschte Technologien entwickelt und in die Praxis eingeführt, wie beispielsweise die massenhafte Verwendung von Nano-Partikeln in Kosmetik, Körperpflege und in Waschmitteln.

Es genügt nicht, ein für alle Welt offenbar gewordenes Fiasko wie die Kernenergie nun nachträglich als solches zu benennen. Das ist allzu wohlfeil und folgenlos. Wer sich – wie das Handelsblatt – zum Dauersprachrohr für projektierte, anlaufende und laufende potenzielle Fiasko-Technologien macht, dem fehlt es an den zwei wichtigsten Rohstoffen für ein seriöses Presseprodukt: Konsistenz und Glaubwürdigkeit.

Faulheit. Todsünde oder Tugend?

André Rauch im Gespräch mit Michael Magercord. Eine Sendung des Deutschlandfunks („Essay und Diskurs“) vom 4. Oktober 2015.

Die Moderne wurde erst möglich durch die ideologische Ächtung der Faulheit während der Reformation. Die rasante technologische Entwicklung der Neuzeit basiert auf der Förderung nützlichen Arbeitsfleißes und Bekämpfung der bärenhäuterischen Faulheit. Der 1942 geborene französische Philosoph André Rauch beleuchtet die Zusammenhänge und Widersprüche zwischen diesen beiden Lebenshaltungen und erschließt damit Möglichkeiten für Neubetrachtungen und Verhaltensänderungen im anbrechenden Postwachstums-Zeitalter.

Bis etwa ein halbes Jahr nach der Erstsendung kann das Gespräch auch als Audiodatei abgerufen und herutergeladen werden.

Si tacuisses …

„Es gibt Vorstädte in München, Hamburg, Berlin, die lassen dieses kommende Leben erahnen: keine Ausländer, keine Kinder, aber dafür ganz viele faltige Deutsche in Jack-Wolfskin-Jacken“, schreibt Jakob Augstein auf Spiegel online.

Davor hat er sich einen Absatz lang über Rollatoren und Treppenlifte lustig gemacht. Seine ganze Kolumne richtet sich gegen die angeblich so starrsinnigen, furchtsamen, egoistischen, verzagten, mutlosen Alten, die unser Land schon bald in eine schaurige Geisterbahn verwandeln würden, weil sie keine Zuwanderer ins Land lassen wollten.

Nun, hier, in einer beschaulichen und durchaus nicht kinderarmen Ortschaft im Speckgürtel Münchens sind es aber genau die Alten, die Rentner, die sich in großer Zahl und mit viel Herz und Engagement um unsere einhundertfünfzig Asylbewerber kümmern. Diese Leute haben aus dem Nichts fünfzehn Deutschkurse auf die Beine gestellt, auf dass Menschen aus Afghanistan, dem Iran, aus Syrien, aus Eritrea – und wo sie sonst noch alle herkommen – so gut Deutsch lernen, dass sie in nicht allzuferner Zukunft vielleicht sogar die Hirnergüsse eines zweifelhaften Linken und unzweifelhaften Multimillionärs lesen könn(t)en.

Nein, Jakob Augstein, Ihre Fantasien von einer durch „ökonomische Vernunft“ veredelten und geerdeten „nationalen Identität“ klingen ganz so als kämen sie direkt aus der neonationalliberalen Geisterbahn eines Guido Westerwelle, eines Philipp Rösler oder eines Christian Lindner. Nein, links ist an Ihnen und Ihrem Denken gar nichts. Sonst würden Sie nicht versuchen, Spaltkeile zwischen angeblich junge fortschrittliche Zuwanderer und vermeintlich alte einheimische Reaktionäre zu treiben. Nein, Sie selbst verhalten sich reaktionär. Genau so, wie sich die herrschenden Klassen stets verhalten haben: teilen, um herrschen zu können.

Und so ist für mich die Entscheidung gefallen: Jakob Augstein segelt unter falscher Flagge. Er ist nicht links, schon gar nicht im Zweifel. Er hat keine bevorzugte Richtung. Er ist ein Tagesdemagoge, dem das Schicksal leider ungewöhnlich wirkmächtige Beeinflussungsmittel in die Hand gedrückt hat.

Aber das ändert nichts am großen Rad. Es dreht sich unaufhaltsam weiter. Denken Sie an die Rentner, die Deutschkurse leiteten, während Sie, Herr Augstein, versuchten, mit Ihrem Deutsch die Gesellschaft auseinanderzudividieren. Denken Sie daran zurück … dereinst, wenn Ihnen die Windel gewechselt und ein neuer Blasenkatheter gelegt wird (von wem auch immer). Und bedenken Sie: Wir alle sind Asylanten. Mit begrenzter Aufenthaltsgenehmigung.

"At IARPA, we take real risks, solve hard problems, and invest in high-risk/high-payoff research that has the potential to provide our nation with an overwhelming intelligence advantage."

Zitat von der Startseite des IARPA-Webauftritts.

Andrian Kreye

ist der vielleicht abgefeimteste deutschsprachige Satiriker unserer Tage. Wo die meisten seiner Kollegen nur vordergründige Plattheiten absondern, stellt Kreye mit seinen Artikeln attraktiv wirkende Sinnfassaden auf, die den Schnell- oder Querleser in die Irre locken. Den Aufmerksameren jedoch lassen sie tief blicken und laut lachen.

Eins dieser abgedrehten satirisch-journalistischen Kabinettstückchen erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 8./9. August 2015 unter dem Titel „Amt für böse Überraschungen – Aus dem Labor der US-Geheimdienste: Wie Forscher in Kalifornien versuchen, Grundlagen für richtige Entscheidungen zu finden.“

In dem reportageartigen Text spielt Kreye einen deutschen Journalisten, der in schönster Prantlscher Manier an einem Treffen erlauchter Geister teilzunehmen andeutet. Diese Herrschaften – darunter gar ein Nobelpreisträger – kommen in einem Weingut nördlich von San Francisco zusammen, um über die Forschungsergebnisse des Psychologen Philip Tetlock zu diskutieren, der sich seit etwa einem Vierteljahrhundert mit der Frage befasst:

Wie kann man richtige Entscheidungen treffen und damit böse Überraschungen auf ein Minimum reduzieren?

Um in das Ambiente des Meetings einzuführen, schenkt Andrian Kreye uns Sätze wie: „Mit Palmen im Garten, Veranda und vertäfelten Wänden verströmt das Haus koloniale Pracht.“ Oder, auch schön: „Es riecht nach den Rosenbeeten vor den Fenstern und nach den Edelhölzern der Möbel.“

Nach dieser augenzwinkernden Sinnesanregung erfahren wir, in welchen institutionellen Rahmen Tetlocks Forschungsarbeit einzuordnen ist. Wir lernen, was das IARPA ist und wie es historisch mit DARPA und daher auch mit ARPA verknüpft ist. Kurz: wir sind im allergeheimsten Geheimdienstumfeld unterwegs. Und Kreye hat uns genau dort, wo er uns haben will: Wir lechzen nach den sensationellen Ergebnissen dieser ebenso kryptischen wie langjährigen und sicher auch hübsch kostspieligen Forschungen. Und die lässt der Autor nun effektvoll aufploppen.

Wer sind die „Superforecasters“?

„Langfristige Prognosen sind nicht möglich“, meldet Kreye. Der Schock trifft uns wie eine Faust. Ja, und kurzfristige? Gibt es da wenigstens Hoffnung? Bei kurzfristigen Prognosen erreichen die Besten etwa sechzig Prozent Treffsicherheit. Und wer sind denn nun diese Wundervorhersager? Es sind keineswegs die Experten, so Kreye, „… sondern nur aufmerksame und kluge Bürger.“

Wie bitte? Der gesunde Menschenverstand?

Was wir hier vorgeführt bekommen, ist eine höchst effektvolle Bloßstellung in der Tradition von Shakespeares Brutus-Rede des Marcus Antonius. Laut lobend öffnet der Autor ein Panoramafenster mit Blick auf einen massigen Berg, der im Begriff ist, ein schwindsüchtiges Mäuschen zu gebären. Kreye ist klug genug, dieses Fenster sogleich wieder zu schließen und zwar mit folgenden schulterklopfenden Worten:

„Vielleicht ist es schon ein wichtiger Schritt, dass die Wissenschaft am Ideal eines postideologischen Zeitalters arbeitet, in dem sich die Vernunft durchsetzt.“

Das „Ideal“ eines „postideologischen“ Zeitalters!

Spätestens an dieser Stelle kullern beim aufmerksamen Leser die Lachtränen. Das Ideal, das Samenkorn der Ideologie, soll also das Ende der Ideologie bringen. Wie abgedreht ist das denn? Überhaupt nicht, wenn man bedenkt, wie elegant sich Kreye nach seinem Komplettverriss mit dieser markigen Schlussvolte den Zugang zu den transatlantischen Fleischtöpfen offenhält.

Pilgern auf dem Stefansweg

Redaktionsintern wird solch ein Anbahnen und Pflegen von US-orientierten Public Private Partnerships auch gern „Pilgern auf dem Stefansweg“ genannt. Muss ja auch irgendwie, … ne? Kann doch nicht jeder deutsche Spitzensatiriker aus dem Haushalt des Europäischen Parlaments alimentiert werden.

WER SICH DAGEGEN ERNSTHAFT mit der Problematik von komplexen Entscheidungsprozessen befassen möchte, dem sei ein schon recht betagtes aber noch immer ganz unverstaubtes Buch ans Herz gelegt:

Lucius Burckhardt
Wer plant die Planung?
Architektur, Politik und Mensch
Herausgegeben von Jesko Fezer und Martin Schmitz
360 Seiten
ISBN 978-3-927795-39-6
Euro 18.80

Burckhardts hochinteressante Erkenntnisse und Anmerkungen zur sinnvollen Entscheidungsfindung in der Stadtplanung (ein Stichwort: minimalinvasives Handeln) lassen sich sehr gut auch auf andere komplexe Problemfelder übertragen.

„Ökonomie des glücklichen Lebens“

Unter diesem Titel fasste der Deutschlandfunk 2013 drei Folgen seiner Reihe „Essay und Diskurs“ zusammen. Interviewt wurden der griechische Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis, die englische Wirtschaftswissenschaftlerin und Aktivistin Ann Pettifor und der US-amerikanische Ethnologe David Graeber. Sie befassen sich aus verschiedenen Perspektiven mit der Frage, wie man der inhuman gewordenen kapitalistischen Wirtschaft wieder ein ethisches Rückgrat einziehen könnte.

Der Beitrag mit Yanis Varoufakis ist übertitelt „Hippokratischer Eid für Ökonomen„.

Im zweiten Beitrag spricht Ann Pettifor über die „Amoralität des Finanzsystems„. Anne Pettifor hat die globale Finanzkrise von 2008 mehrfach präzise vorhergesagt und engagiert sich für einen Schuldenerlass der ärmsten Länder Afrikas.

David Graeber spricht im dritten Beitrag über die „Entschuldung und Erneuerung der Gesellschaft„.

Alle drei Interviews wurden von Stefan Fuchs geführt und stehen auf den verlinkten Seiten jeweils als Manuskript und als Audio zur Verfügung. Leider stellt der DLF die Audios nicht dauerhaft zur Verfügung, daher empfiehlt sich ein Download.

Die DLF-Reihe "Essay und Diskurs" bringt hochwertige Beiträge zu vielen verschiedenen kulturell und wissenschaftlich interessanten Themen. Sendezeit: Sonntag, 9:30 Uhr.

Deutschland und seine Europa feiern hundert Jahre Stahlgewitter

Wie Dada aus müsste unser ismus sehen?

+++ „Wir können es, wenn wir wollen. Wir wollen es, weil wir müssen. Wir müssen es, denn uns alle und jeden einzelnen von uns zwingt der Trieb der Selbsterhaltung.“ +++ „Darum: Zeichne Kriegsanleihe, die sicherste Kapitalsanlage der Welt!“ +++ „Ihr Sohn wird nur dann etwas Tüchtiges leisten, wenn er eine gediegene Vorbildung hat.“ +++ „Bequeme Deckung der Kriegsschädenbeiträge aus den künftigen Dividenden oder aus der auch im Kriegssterbefall sofort und voll zahlbaren Versicherungssumme.“ +++ „Die Heilung der Nervenschwäche“ +++ „Sanatorium für Lungenkranke“ +++ „Ihre persönlichen Erlebnisse an der Front“ +++

Wir können es noch! Wetten?

Vorschlag machen, Helm gewinnen:

Die Zeichnung, die Anzeigen und der redaktionelle Textteil stammen aus Kriegsausgaben der "Leipziger Illustrirten Zeitung" in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Bei der LIZ handelte es sich um eine sehr aufwändig gestaltete und ausgestattete Illustrierte, die von 1843 bis 1944 erschien. 

Der kurze redaktionelle Textteil (oben rechts im Bild) scheint eine frühe Vorform der "Alternativlosigkeits-Argumente" unserer gegenwärtigen "Politiker"-Elite zu sein.

Afrikanische Entwicklungshilfe für Europa?

Am 8. März 2015 strahlte der Deutschlandfunk in seiner Reihe „Essay und Diskurs“ den Beitrag „Afrikanisches Denken – Die Kunst des Palavers“ aus. Darin spricht Michael Magercord mit dem französischen Philosophen, Komponisten und Pianisten Vincent Cespedes über afrikanische Kulturtechniken, die einen konstruktiven Beitrag leisten könnten, das darniederliegende Gemeinschaftsdenken in Europa zu reanimieren. Eine breite Auseinandersetzung mit den afrikanischen Traditionen gemeinschaftlicher Entscheidungsfindung könnte zum Beispiel dazu beitragen, Alternativen zur gemeinschaftsgefährdenden Ich-Bezogenheit in den westlich-kapitalistischen Gesellschaften zu finden.

Hinweis: Am 30. März 2014 strahlte der Deutschlandfunk in der Reihe „Essay und Diskurs“ ein Gespräch von Michael Magercord mit dem senegalesischen Philosophen Cheikh Moctar Ba aus. Darin geht es um die Grundlagen afrikanischer Philosophie.

Vom Webstuhl der Geschichte

Dreams and nightmares revisited in just 54 minutes

Der knapp einstündige Dokumentar(?)film „It Felt Like a Kiss“ wird Ihr Bewusstsein verändern. Ganz besonders, wenn Sie die Fünfzig erreicht oder überschritten haben. Denn in diesem Fall haben Sie einen nennenswerten Teil jener Zeit persönlich miterlebt, die sich in diesem Werk von Adam Curtis wie in einem Kaleidoskop aus unzähligen Splittern zusammensetzt und dabei noch einmal auf gruselige Weise lebendig(?) wird: die Zeit, in der Amerika aufbrach, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

Um so ein Werk zu schaffen, muss man Zugang zu einem gewaltigen Bild-, Ton-, Film- und Videofundus haben. Mit dem BBC-Archiv verfügte Curtis über eine der größten Sammlungen weltweit. Aber das allein war nicht genug. Man braucht auch einen Plan, eine Idee, einen Leitfaden für das Zusammentragen, Auswählen und Aneinanderfügen der einzelnen Bestandteile. Dazu ein paar erhellende Zitate von Adam Curtis (die englischsprachige Quelle finden Sie hier):

"Ich wollte einen Film darüber machen, wie es sich wirklich anfühlte, diese Zeit zu erleben ... In der man die Wurzeln jener Ungewissheiten erkennen kann, die wir heute verspüren, die Dinge, die sie damals draußen an den dunklen Rändern der Welt taten, ohne zu spüren, welche davon einst zurückkommen und uns heimsuchen würden."
"Das Wichtigste ist, was du begehrst. Aber ein großes Paradoxon unserer Zeit besteht darin, dass das, was wir begehren, möglicherweise nicht aus uns selbst kommt."
"Das iPhone ist ein gutes Beispiel. Die Menschen fühlen, dass sie eins wollen - um sich damit auszudrücken. Aber sie alle wollen eins, alle zur gleichen Zeit. Woher kommt das? Von innen oder von außen? Weil wir in einer Epoche leben, in der vor allem das Individuum zählt und alles aus der Ich-Perspektive gesehen wird, haben wir die mächtigeren Kräfte aus dem Blick verloren. Und das schränkt uns ein, nicht nur in unserem Weltverständnis; es hat uns kraftlos werden lassen. Ich denke, das ist es, worauf ich damit wirklich hinauswill."
"Ich hoffe, dass sie Abstand gewinnen wie mit einem Hubschrauber und dass sie sich dann selbst betrachten und sich darüber klarwerden, dass sie nicht nur Produkte ihrer eigenen kleinen inneren Wünsche sind, sondern ebenso Produkte der Geschichte, der Macht und der Politik. Wir alle sind Teil einer großen geschichtlichen Epoche. Genau das sind wir. Und manchmal vergessen wir das."

„It Felt Like a Kiss“

ist tatsächlich eine Art Hubschrauber, mit dem man aufsteigen und einen Überblick über den aufgerollten Geschichtsteppich gewinnen kann. Adam Curtis hat damit einen ganz eigenen Weg gefunden, jenes gespenstische Spinnen und Weben der Geschichte sichtbar werden zu lassen, das uns alle erfasst und schicksalhaft an- und ineinanderknüpft.

Anmerkungen:

  • Der Film „It Felt Like a Kiss“ war Teil einer gleichnamigen großen Theaterproduktion und Installation, die Adam Curtis 2009 zusammen mit der Gruppe „Punchdrunk“ in Manchester realisierte.
  • Falls Sie über ein Stichwort hierhergelangt sind, das aber im Text nicht erscheint: im Film werden Sie fündig!
  • Tipp: Genießen Sie den Film bildschirmfüllend und mit externen Lautsprechern.

Vom Wissen und vom Wünschen

Wussten Sie, dass die Betrachtung der Welt als Ökosystem mit der Tendenz zur Selbstregulierung aus einem Streit zwischen dem britischen Biologen Arthur George Tansley und dem südafrikanischen General Jan Christiaan Smuts hervorging? Und dass hinter dieser Idee auch der Versuch steckte, die Rassentrennung zu rechtfertigen? Der Guardian-Beitrag „How the ‚ecosystem‘ myth has been used for sinister means“ von Adam Curtis klärt darüber auf.

Mechanismen der Dschihad-Rekrutierung in Europa

In seinem Essay „Beginnend mit Worten, endend mit Blut“ widmet sich Georg Seeßlen der Frage, wie der „Islamische Staat“ zur Hoffnung enttäuschter Jugendlicher aus dem „freien Westen“ werden konnte. Könnte es sein, dass sich der IS und die sinnentleerte und entseelte Konsumgesellschaft des liberalen Westens viel näher sind, als man auf den ersten Blick glauben möchte? So nahe, dass man zueinander passt, wie die Faust aufs Auge?
Den Text gibt es auch auf Englisch.

Mit diesem Eintrag starten wir eine neue Kategorie auf unserem Blog:
„LESEN! – Links zu hervorragenden Beiträgen im Internet“

Was für ein Tag!

Jakob Augstein

schreibt verzweifelt gegen das Umkippen der Welt an und darunter ein Thread, ach was: eine Meinungsmüllhalde der Umgekippten. So viel Dummheit war nie. Das Grauen! Der propagandistische Endsieg von FOX News.

Ich habe mir die Kolumne und die ersten hundert Kommentare rauskopiert. Wenn ich mal viel Zeit habe, mache ich ein kurzes Hörspiel daraus. Das „Herz der Finsternis“, wie es den Kongo hinunterwandert – ansteckender und gräßlicher als jede Seuche – und dann den Kurs übers Meer und zurück in die Heimat einschlägt. Denn wo sonst sollte sich die Finsternis mehr zu Hause fühlen als in jenem Abendland, das gerade dabei ist, sich in einen Nachttopf zu verwandeln.

In BILD

erscheint ein Brief an den von Terroristen verbrannten jordanischen Kampfpiloten, der mit den Worten „Lieber jordanischer Kampfpilot, …“ beginnt, um wenig später zu enden mit den Sätzen: „… Wir müssen die ISIS vernichten. Wie ein Virus, ein Bazillus. Herzlichst, Ihr F. J. Wagner“. Und der Wind pfeift durch die Zahnlücke. Und die Augen leuchten wie die Scheiben brennender Irrenhäuser (oder wie hatte Arno Schmidt das in „Leviathan“ formuliert?).

Möllemann stürzt‘ uns voran

Angesichts einer derart zerbröselnden Welt bleibt dem traurigen Schalk Deniz Yücel freilich nichts anderes mehr, als die Rückkehr von Jürgen Möllemann zu fordern. Folgerichtig? Naja, auf jeden Fall kann das als sachdienlicher Hinweis auf die verbliebene Tragkraft unseres kulturellen Rettungsfallschirms gewertet werden.

Was für ein Tag?

Kein besonderer, eigentlich. Solche Tage gibts inzwischen viele. Manche Krankheiten verlaufen eben in heftigen Schüben. Man müsste die Dummheit wie ein Virus vernichten, denkt man. Dass das nicht funktionieren kann, drückte Nestroy in einem seiner genialen Couplets so aus: „Geg’n die Dummheit, so war es zeitleb’ns, da kämpfen die Götter vergeb’ns, da kämpfen die Götter vergeb’ns.“

Zum Thema "Leute verbrennen": "Burning Victims to Death: Still a Common Practice" Ein Artikel von Glenn Greenwald in "The Intercept"

Anno 1636.

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun,
das vom Blut fette Schwert, die donnernde Carthaun
hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
die Jungfraun sind geschänd’t und wo wir hin nur schaun
ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut,
von so viel Leichen schwer, sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot:
Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

Mit diesem Sonett von Andreas Gryphius blicken wir auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Europa und zugleich auf ganz ähnliche aktuelle Grausamkeiten in den zerstörten Staaten Afrikas, des Nahen und des Mittleren Ostens. Man möchte meinen, unsere Gesellschaft sollte den Menschen in diesen Gebieten besonderes Mitgefühl und tatkräftige Solidarität entgegenbringen. Stattdessen erleben wir bei unseren Mitbürgern eine Welle von Verdrängung, Ausländerfeindlichkeit und Antiislamismus. Und biedere Christenmenschen betätigen sich dabei auch noch als Brandverstärker. Das ist unfassbar und empörend.

„It sums up the strange mood of our time, when nothing makes any coherent sense“

"We live with a constant vaudeville of contradictory stories that makes it impossible for any real opposition to emerge, cause they can’t counter it with a coherent narrative of their own. And it means, that we as individuals become evermore powerless, unable to challenge anything, because we live in a state of confusion and uncertainty, to which the response is 'Oh dear!'"

Dies sind die Schlussworte aus dem kurzen und interessanten Filmausschnitt über jene neue „strategy of power, that keeps any opposition constantly confused“. Sie wird nicht nur vom Putin-Berater und Konzeptkünstler Wladislaw Surkow meisterhaft angewandt, sondern auch von den ökonomischen und politischen Velociraptoren diesseits und jenseits des Atlantiks.

Besonders erfolgreich scheint die neue Desinformationsstrategie bei dümmlich-rechten Kreisen zu wirken, deren geistige Enge und Kurzsichtigkeit keine intelligenteren Schlussfolgerungen gestatten, als die eigene Wut über das wachsende politische Schlamassel gegen wehrlose Minderheiten zu richten. Damit gehen sie der geschickten Propaganda wie gewünscht auf den Leim. Die alte Leier: divide et impera. Oh dear!

Eine erfolgversprechende Gegenwehr gegen den „Oh Dear-ism“: „Der Rückzug ins Private muss aufhören

Ein paar interessante Zitate:

Wie Islamophobie bis heute dazu beiträgt, …

"... ein Vergangenheitsbild zu konstruieren, das dem eigenen Selbstbild schmeichelt und es durch ‚Feindbilder‘ stabilisiert, ..."(1)
"Bei Karl May ist Kara ben Nemsi nicht bloß körperlich und waffentechnisch, sondern auch geistig unschlagbar. Er kennt den Koran besser als alle Muslime, die ihm begegnen. Wie in der mittelalterlichen Polemik ist Muhammad auch bei Karl May ein Gewaltmensch und Ketzer. Der Koran wird als Sammelsurium von christlichen, jüdischen und heidnischen Gedanken vorgestellt. Muslime sind bei Karl May brutal, rückständig und lasterhaft, und sie sind Verlierer: Sie haben die schlechtere Bildung und die schlechteren Waffen. "Und kämt ihr zu Hunderttausenden, so hast du gar keine Ahnung, wie schnell wir mit euch aufräumen würden" heißt es in den Schilderungen aus dem „Lande des Mahdi“. 
Die Angst ist weg! Es ist nur noch Überheblichkeit und Verachtung geblieben. Karin Hörner, die in ihrer Abhandlung über das Islam-Bild der Deutschen auch auf Karl May eingeht, resümiert: Die populären Vorstellungen vom Islam, die im 19. Jh. vorherrschten, haben sich bis heute kaum weiterentwickelt. Der Muslim ist in allen Facetten das genaue Gegenbild der christlichen, genauer, der europäischen Selbstwahrnehmung.
Der Absolutheitsanspruch der christlichen Tradition äußert sich heutzutage in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit nicht mehr theologisch, sondern er lebt vor allem in säkularer Gestalt, als selbstverständlicher und unreflektierter Überlegenheitsanspruch der europäischen Errungenschaften und der westlichen Werte fort. Wir reden heute viel von Integration und Begegnung der Kulturen. Aber im Grunde können wir uns beides nur so vorstellen, dass fremde Kulturen und Religionen unsere europäischen oder westlichen Werte übernehmen. Wir halten uns schon für tolerant, weil wir die Fremden einladen, so zu werden oder zu leben wie wir. Toleranz aber ist etwas ganz anderes und hat mit dem Aushalten, dem Respektieren und der Achtung von kulturellen Unterschieden zu tun.
Die „Renaissance des Islams“ in der orientalischen und islamischen Welt ab den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts trifft auf ein Europa, das darauf nicht vorbereitet ist. Der Islam war ja schon im 19. Jh. ein für alle mal abgeschrieben worden. Und im Zuge der Säkularisierungsthese hat Europa gar nicht mehr damit gerechnet, dass Religionen nochmals so dominante Rollen spielen werden. Dies verstärkt den Schock der Gegenwart."(2)
"Bei den Fehlern und Lastern, die dem Türken [des 17. und 18. Jahrhunderts] zugeschrieben wurden, standen zwei Themen im Vordergrund: Willkür der Machtausübung und hemmungslose sexuelle Lust. Diese Themen waren dermaßen verbreitet und die Begriffe, in denen sie in der Literatur wie in den bildenden Künsten artikuliert wurden, dermaßen krass, dass man sich genötigt sieht, die Erklärung hierfür in der europäischen, nicht in der türkischen Psyche zu suchen. Immerhin haben wir Abendländer mehr als einmal unsere geheimsten Hoffnungen und Ängste auf fremde Völker projiziert."

…und gerade deshalb entschiedene Verteidiger einer wohlverstandenen Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit.

Wir sind der festen Überzeugung, dass hinter den immer heftiger und wütender werdenden Angriffen auf den Islam gar nicht zuerst die Angst vor dieser Religion steht, sondern der Unwille, sich der Arbeit einer echten Auseinandersetzung mit ihr zu stellen. Es ist die Angst vor der Anstrengung, die aus dem Verstehenlernen des Anderen resultiert. Da ist es freilich viel einfacher, sich das Andere mit Kränkungen vom Leib zu halten. Einfacher … und zugleich dümmer, denn wer sich nicht um das Andere bemüht, der lernt auch nichts über sich. Und er verdirbt sich selbst die Freude des Verstehens.

Die Betreiber dieses Blogs


 

"Satire is traditionally the weapon of the powerless against the powerful. I only aim at the powerful. When satire is aimed at the powerless, it is not only cruel - it's vulgar." 
(Molly Ivins, 1991)
"Satire war und ist eine Waffe der Machtlosen gegen die Mächtigen. Ich ziele nur auf die Mächtigen. Wenn sich Satire gegen die Ohnmächtigen richtet, ist sie nicht bloß grausam, sondern vulgär. 
(Molly Ivins, 1991)

 

Zum Thema erschien ein ausgezeichneter Gastbeitrag von Tomáš Halík auf faz.net

In „The Intercept“ erschien ein kritisch-sarkastischer Beitrag von Gleen Greenwald, der den Charlie-Hebdo-Hype als heuchlerische Veranstaltung und den westlichen Freiheitsbegriff als ideologisch voreingenommen entlarvt: „In Solidarity With a Free Press: Some More Blasphemous Cartoons.“

Glenn Greenwald über die selektive Wahrnehmung des Westens in punkto Rede- und Meinungsfreiheit:

"Wichtig ist, dass die Ideen geschützt werden, die ich mag, und dass das Recht gewahrt bleibt, Gruppen anzugreifen, die ich nicht mag; alles übrige ist zum Abschuss freigegeben. 

"It is vital that the ideas I like be protected, and the right to offend groups I dislike be cherished; anything else is fair game."
"Wenn es um Ideen geht, die ich mag, oder Gruppen angreift, die ich nicht mag, ist es Meinungsfreiheit. Wenn ich der Angegriffene bin, ist es was Anderes."

"It’s free speech if it involves ideas I like or attacks groups I dislike, but it’s something different when I’m the one who is offended."

Rosa Luxemburg in „Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung“:

"Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird."

„Liebe junge Leute von SPON, …

… ungern bremse ich Euren antifaschistischen Eifer. Aber wenn Ihr meint, ihr müsst nur Frakturschrift für das Wort ‚Lügenpresse‘ verwenden, um damit – schwuppdich! – eine ideologische Verbindung zwischen den wildgewordenen sächsischen Spießern und den Nazis herzustellen, dann verratet Ihr nur eins: Eure historische Unbildung.

Die Nazis haben Frakturschriften in Deutschland eher bekämpft und deren Verwendung weitgehend unterbunden. Frakturschriften sind typografisch wunderschöne, der Handschrift mit Tinte und Feder nachempfundene Schriften. Sie gehören zu unserem humanistischen Kulturerbe. Bringt sie also bitte nicht nochmal mit der Unkultur des Nationalsozialismus in Verbindung. Okay?“

Individuell und kollektiv zugleich. Zusammen draußen an den Instrumenten statt vereinzelt drinnen vor den Computern. Beschwingt und getragen von der Kraft des gemeinsamen Rhythmus. Keine finanzielle Gewinnerzielungsabsicht. Sich selbst und seiner Lebensfreude genügen. Mein Gott, wie schön kann das Leben sein!

"Für die islamische Welt ist es schlimm genug, diese schrecklichen Führer zu haben. Aber zusätzlich fühlen sich viele Muslime auch noch vom Westen wie Dreck behandelt, und wenn sie dort leben, schlecht integriert. Wir müssen verstehen, warum diese Menschen keine Dalai Lamas werden, sondern Selbstmordattentäter. Afghanistan, Syrien, Libyen, Palästina – viele Muslime haben dieses Gefühl der Erniedrigung. Das ist keine Ausrede. Was in Paris geschah, ist grässlich. Aber Jihadisten sind leicht zu rekrutieren in diesem Umfeld." (Mohammed ElBaradei)
"In January 2011, I warned that anti-Muslim sentiment had "passed the dinner-table test" and become socially acceptable. Since then we’ve seen rising levels of anti-Muslim hate crime and increasingly vitriolic Islamophobic language. Yet not a single major government speech has reflected the concerns, worries and, yes, fear within the British Muslim community."(Sayeeda Warsi)
"Wenn Sie den Menschen das vorenthalten, eine Stimme, das Gefühl, wichtig zu sein, werden sie sich dieses Recht nehmen. Und ich glaube, das sehen wir gerade: Leute, die die Nase voll haben, auf der Weltbühne nicht vorzukommen."(Joaquin Phoenix)

Drachenblut

oder: Selfie mit Kanzlerin

Ach, wenn der alte kalte Opa seine Lieder singt
und die verblichenen Dämonen nochmal niederringt
und wenn die Staatsaktion so kleinlich und so bieder klingt

Ach, wenn der alte kalte Opa in der Traumstation
nicht weiß, wo unten oder oben, na was macht das schon?
Er kennt auf jeden Fall den angesagten Kammerton

Ach Opa, mach dein Ding und nimm dein Bad im Drachenblut
puste zum letzten Mal ein bisschen in die schwache Glut
Spei dein Verschwinden übers Land und deine Rachewut

Bleib nur im Gestern, alter Mann, denn da gehörst du hin
Was gestern richtig war, ergibt gewiss auch heut noch Sinn
Hier, die Gitarre, alter Mann! … Da, setz dich hin!

Bei aller verständlichen Erschütterung angesichts von so etwas Weltstürzendem wie einem linken Ministerpräsidenten in Thüringen – der aufgrund der Mehrheitsverhältnisse wohl kaum eine Chance hat, das erste Amtsjahr zu überstehen, sofern er überhaupt gewählt wird, sehr geehrter Herr Bundespräsident, vergessen Sie folgende geschichtliche Wahrheit bitte nicht:

Herr Ulbricht UND Herr Adenauer
war’n talentierte Mauerbauer

WIR UNTERSTÜTZEN DEN WELTWEITEN TERRORISMUS … MIT JEDER TANKFÜLLUNG!

Diesem freundlichen Herrn (und seiner umfangreichen Familie) füllen wir mit jedem getankten Liter Benzin, Diesel oder Heizöl den Geldbeutel.

Damit ermöglichen wir ihm, Anteilseigner unserer Großkonzerne zu werden, bei unseren Waffenschmieden Hightech-Rüstung einzukaufen und darüber hinaus jene Knallköpfe zu finanzieren, die mit ihren Terroranschlägen Menschen in aller Welt in Angst und Schrecken versetzen.

Desweiteren erlauben wir ihm damit, bei sich zu Hause ein politisches Terrorsystem aufrechtzuerhalten, das sämtliche modernen Vorstellungen von Freiheit und Recht in den Staub tritt.

Wen wunderts, dass dieser Herr so freundlich lächelt und winkt? Wo wir ihm doch täglich beweisen, dass er von uns nichts zu befürchten hat. Weil wir offenbar viel zu dumm und zu bequem sind, um beherzt die großen Errungenschaften zu verteidigen, für die unsere Vorfahren mit ihrem Herzblut gekämpft und nicht selten mit ihrem Leben bezahlt haben.

Schande über uns! Der Abschaum, das sind wir selbst.

WIR FORDERN DIE BESCHLEUNIGUNG UNSERES KOLLEKTIVEN AUSSTIEGS AUS DEM ERDÖL- UND ERDGASSYSTEM. AUCH WENN WIR DAFÜR ZUNÄCHST EINMAL MEHR BEZAHLEN MÜSSTEN: DIE VERTEIDIGUNG VON FREIHEIT UND RECHT UND DER SCHUTZ UNSERER LEBENSBEDINGUNGEN SIND ALLER ANSTRENGUNGEN UND MÜHEN WERT.

Ménage à trois: Wer liegt denn da bloß mit im Bett?

Apple und Facebook bieten ihren Mitarbeiterinnen einen kostenlosen Service für das Einfrieren von Eizellen an. Damit sollen die Damen in die Lage versetzt werden, etwaige Kinderwünsche zeitlich so weit nach hinten zu verschieben, dass sie ihre fruchtbarsten und tatkräftigsten Lebensjahre dem Arbeitgeber schenken können.

Nach dem Erreichen des Höhepunkts von Kreativität und Leistungsfähigkeit können sie dann langsam daran denken, die Karriere zu beenden, die Eizellen aus der Kühlung zu holen und sich der Schaffung und Aufzucht ihrer Nachkommen zuzuwenden.

Hannah Wilhelm (Geburtsjahrgang 1978, derzeit also Mitte 30) begrüßt diese Initiative der beiden Internetriesen in der SZ-online vom 16. 10. 14. Natürlich wäre es besser, meint Frau Wilhelm, wenn es gesamtgesellschaftlich eine weitgehende Vereinbarkeit von Karriere und Familie gäbe. Und natürlich wäre es auch besser, wenn es nicht „den Jugendkult in der Wirtschaft“ gäbe und stattdessen mehr Möglichkeiten für „späte Karrieren“.

Aber das sei eben leider „noch nicht Realität“ und deshalb stelle das Angebot mit der Eizelleneinlagerung einen Beitrag zum „Recht der Frauen auf Selbstbestimmung“ dar und gehöre außerdem zu den „berechtigten Bemühungen von Unternehmen, gute Mitarbeiterinnen halten zu wollen“.

Mich erinnert das an einen anderen Text, den ich Ende letzten Jahres im Handelsblatt fand*. Darin jubeln die Autorinnen Jacqueline Goebel und Sara Zinnecker über die schöne neue Arbeitswelt von morgen: „Die Firma holt ihre Mitarbeiter morgens ab und bringt sie abends nach Hause. Sie kümmert sich um die Kinder und auch um die Gesundheit. Sie kocht, macht die Wäsche.“

Mit ähnlich leuchtenden Augen wird hier von der Befreiung der Frauen durch Firmen geschwärmt, wie andernorts vom angeblich so Sozialen in den „social networks“. Vilém Flusser beschreibt die Tiefenströmung, die solche Fehlinterpretationen auf der Oberfläche hervorruft, so: „Denn wenn die Methode das Sein und das Sollen und wenn die Technik die Wissenschaft und die Politik sich einverleibt, frißt sich das Absurde ein.“

Das Ergebnis dieses Prozesses in Flussers Worten: „… jenseits der Maschine gibt es nichts zu tun, denn die Arbeit im klassischen und modernen Sinn ist absurd geworden. Wo der Apparat sich installiert, bleibt nichts mehr übrig als zu funktionieren.“**

Wer wollte noch toller funktionieren als eine Frau, die ihre besten Jahre der Firma schenkt und ihrem Baby nur die zweite Lebenshälfte? Wer angesichts einer solchen Monstrosität über die Selbstbestimmung der Frau räsoniert, hat leider gar nichts kapiert.


* Nr. 248/2013, S.32
** aus: Vilém Flusser: Gesten. Versuch einer Phänomenologie. Frankfurt am Main, 1994

FRAGEN-KASTEN ZUM THEMA (beliebig ausbaubar):

- Was bedeutet es für Kinder, mindestens zur Hälfte (bei künstlicher Besamung aus einer Samenbank sogar vollständig) aus einer jahre- bis jahrzehntelangen "Eiszeit" heraus entstanden zu sein? Gibt es dazu bereits naturwissenschaftliche Untersuchungen?

- Was bedeutet es für Jugendliche in der Pubertät mit Müttern in oder jenseits der Menopause umgehen zu müssen, et vice versa? Gibt es dazu bereits sozialwissenschaftliche Untersuchungen?

- Was rechtfertigt es, zugunsten einer - wie auch immer gearteten - Karriere die gemeinsame Lebenszeit von Müttern (Omas) und Kindern (Enkeln) zu verkürzen? Gibt es dazu bereits Ansätze einer ethischen Diskussion?

Ach ach
in Würde so zu altern
Sich seiner Falten
nicht zu schämen und
den Saftverlust
mit knitterigem Lächeln
hinzunehmen

Es hat mal einer
zu Tränen gerührt
nen alten Gaul umarmt

Ich fotografiere
ne vergessene Limette

SCREENSHOT: Nix gewusst

Der Chefredakteur einer bekannten deutschen Wochenzeitung will nicht gewusst haben, dass er bei der Europawahl wie jeder andere Wahlbürger nur eine Stimme abgeben darf.

Als Inhaber zweier Staatsangehörigkeiten hat Giovanni di Lorenzo geglaubt, es sei in Ordnung, wenn er in beiden Staaten mitbestimmt, in welche Richtung die europäische Politik gehen soll. Nehmen wir einmal an, er hat in beiden Staaten für die Sozialdemokraten gestimmt. Dann verfügt anschließend – nach Adam Riese – die Fraktion der europäischen Sozialdemokraten über eine Stimme mehr als sie hätte bekommen dürfen. Damit wäre – wenn man das demokratische Prozedere ernst nähme, und das sollte man eigentlich – die Wahl zum europäischen Parlament aus formalen Gründen gescheitert. Das ist schlecht und es ist leider kein Witz.

Ein schlechter Witz ist hingegen, dass ein bekannter Kopf im deutschen Fernsehen die Kritik an dem Vorfall als „absurd“ bezeichnet. Für ARD-Moderator Jauch ist nämlich nicht der Regelverletzer kritikwürdig. Nein, dessen Kritiker seien „gemein“, weil sie es mit der politischen Korrektheit übertrieben. Starker Tobak! Wo sollte es in einer Demokratie denn sonst peinlichst korrekt zugehen, wenn nicht bei Wahlen und Stimmenauszählungen? Wer, wie Jauch, stattdessen di Lorenzos Regelverletzung als „Petitesse“ bezeichnet, hat zumindest im politischen Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems nichts mehr verloren.

FOTO: Zeit aufzustehen

Aufschrei wegen Sibylle Lewitscharoffs Gefühlsäußerung. Halbwesen? Na, schön wär’s! Wir drohen Nullwesen zu werden, wenn wir den gierigen Digital-Patriziern nicht bald eins auf die Kontrollfinger geben.

Als „Halbwesen“ hat die deutsche Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff Kinder bezeichnet, die künstlich, also nicht durch Beischlaf erzeugt wurden. „Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind …“, seien in ihren Augen nicht ganz echt, „… sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“

Sie selbst bezeichnete ihren „Abscheu“ gegenüber diesem „Fortpflanzungsgemurkse“ als jenseits der Vernunft stehend. Dennoch folgte ein Sturm der Entrüstung. Die Autorin musste sich unter anderem von einem Kleinstgeist als „Herrenreiterin des Kleingeists“ und als Wegbereiterin eines „neuen Klerikalfaschismus“ diffamieren lassen. Dabei hat sie doch völlig recht: wir alle leben längst inmitten einer Welt von Halbwesen. Und wir gehören selbst dazu.

Der Fehler der Autorin (oder vielleicht auch ihr Trick) bestand darin, dieses Halbwesentum einer kleinen Minderheit unschuldiger Kinder zuzuschreiben und deren zeugungsunfähige Eltern zu Mitverantwortlichen zu machen, weil sie in ihrer Not Hilfe bei Reproduktionsmedizinern suchten.

Aber tun wir nicht täglich etwas Ähnliches? Sind wir nicht alle zu Zeugungsunfähigen geworden? Werden unsere Geistesblüten nicht längst und immer intensiver von kalter Technik bestäubt? Unsere Befruchtungshelfer: das Internet mit seinen Suchmaschinen, die Cloud, die Festplatten und die Memory-Sticks, auf die wir all jene Bewusstseinsanteile auslagern, die wir aus Kapazitäts- und Komplexitätsgründen und wegen unseres schwindenden Konzentrationsvermögens nicht mehr in uns selbst verarbeiten und bei uns behalten können.

Tritt nicht auch zwischen uns und die Welt immer öfter und entschiedener das technoide Gebilde, mit dem wir per Mensch-Maschine-Interface zu kommunizieren haben, codiert von Programmierern, kontrolliert von Automaten? Empfangen wir nicht alle Normen, Standards und limitierten Wahlmöglichkeiten von unseren neuen Herren, den Digital-Patriziern, exakt auf eine solcherart entindividualisierte und schematisierte Weise?

Die Technisierung, Be- und Vermessung, Be- und Verrechenbarmachung der Welt ist so weit fortgeschritten, dass wir Autochthonen längst begonnen haben, uns als Fremdkörper in einer neuen und anderen Welt zu begreifen. Die vor kurzem noch futuristisch klingende Frage, ob Maschinen in Zukunft die Herrschaft übernehmen werden, ist beantwortet, und zwar früher und eindeutiger als wir dachten: Nein, werden sie nicht.

Tatsächlich passiert weitaus Schrecklicheres: die Herrschaft geht in die Hände einer kleinen Gruppe von internationalsozialistischen Elite-Informatikern über, die mithilfe der technologischen Möglichkeiten, der Stumpfheit der Massen und deren damit zusammenhängender Bereitschaft zur Kollaboration die totale Macht erringen. Diese Führer werden über das mächtigste und komplexeste Herrschaftswissen aller Zeiten verfügen und damit die letzte Hoffnung auf Freiheit und Demokratie zunichte machen. Ihr Leitspruch sagt alles: „Don’t be evil.“ In Altsprech: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Dies alles geschieht, hier und heute und mit exponentiell wachsender Geschwindigkeit und Gewalt. Wenn wir nicht schnellstens und mit aller Härte und Entschiedenheit darauf reagieren, werden sich unsere allerletzten Chancen auf eine plurale Welt in Rauch auflösen. Insofern haben wir Sibylle Lewitscharoff für ihr emotionales Wachrütteln ebenso zu danken, wie Juli Zeh für ihren unermüdlichen rationalen Einsatz gegen das Überhandnehmen technologischer Macht in den Händen demokratisch nicht kontrollierter und nicht legitimierter Personen und Gruppen.

Allerdings muss auch jedem klar sein, dass wir allein mit solchen, sicher sehr wichtigen Nadelstichen die Schlacht um Freiheit und Vielfalt nicht gewinnen können. Nicht einmal so massive Hammerschläge wie der von Edward Snowden können das. Soll er Aussicht auf Erfolg haben, muss unser Widerstand auf breitere Schultern gestellt werden.

Come on, Ents! … You’ll have to wake up. … Now!

ANIMATION:

„Die Regierung kann auf kostengünstige Weise mit Bürgern kommunizieren, indem sie Telepräsenz-Kioske in Büros ohne Personal installiert.“

„Government can cost-effectively interact with these citizens by setting up telepresence kiosks in unstaffed citizen service centers.“
Zitiert und übersetzt aus dem Info-Flyer: „Cisco Virtual Citizen Services: Enhance Service Delivery While Reducing Costs“; Cisco Systems.

Heinz von Foerster: "Sagen wir, es ist eine Lücke in meiner Theorie, da kann ich nicht mehr drüber springen. Da sind also neue Teilchen ... die ersetzen das Loch in meiner Theorie. Jedes Teilchen, was wir heute in der Physik lesen, ist die Antwort auf eine Frage, die wir nicht beantworten können."
Interviewer: "Aber das ist doch schrecklich! Wie kann man denn auf der Grundlage einer Theorie, die Löcher hat, also auf so einem wackligen Fundament weltweit sich ausdehnende Maschinensysteme quasi ins Unendliche wachsen lassen? Ist das denn nicht gefährlich?"
Heinz von Foerster: "Ja. In diesem weltweit funktionierenden Maschinensystem sind alle Aussagen richtig. Und das ist natürlich das, was man gerne haben möchte. Und warum sind die richtig? Weil sie sich alle von anderen Aussagen ableiten lassen."
Interviewer: "Wo führt das hin? Wie geht das denn weiter?"
Heinz von Foerster: "Ja, immer mit weiter Ableiten."
Interviewer: "Ja, aber es gibt doch irgendwo Grenzen."
Heinz von Foerster: "Eben nicht, das ist das Schöne. Da kann man immer wieder weiter."
Interviewer: "In der Logik."
Heinz von Foerster: "Yes. Genau."
Interviewer: "Aber in der Realität?"
Heinz von Foerster: "Wo ist die Realität? Wo haben Sie die?"

FOTO:

Die Feinde des Herrn Georg Diez

Meine These: Es gibt unter den deutschen Presseschreibern Leute, die könnten in jedem totalitären System Karriere machen, verfügen sie doch sowohl über höchste Empörungsfähigkeit als auch über den Willen, missliebige Personen zuerst spitzelhaft als Feind zu markieren, dann staatsanwaltlich anzuklagen, dann höchstrichterlich zum Tode zu verurteilen und zuletzt auch noch eigenhändig hinzurichten. Dass sich dies bisher nur als präpotentes Getexte niederschlägt, ist reines Glück. Lassen wir die derzeitige Entwicklung noch ein paar Jahre weitergehen, dann mag uns eine solche Person als "Volkskommissar für korrektes Denken" erneut begegnen. Wer weiß?

Aber kommen wir jetzt zum SPON-Kolumnisten Georg Diez. Ein Einblick in dessen Methoden gefällig? Bitteschön:

Am 28. Februar 2014 wirft Diez der „Süddeutschen Zeitung“ anlässlich einer Karikatur zu Facebook Antisemitismus im wiederholten Falle vor. Die Gesichtszüge eines Datenkraken, der wohl Mark Zuckerberg darstellen sollte, wurden (nicht nur) von Diez als Zerrbild eines Juden einsortiert. Ich will nicht weiter über diese (tatsächlich fragwürdige und wenig originelle) Karikatur diskutieren. Mich interessiert hier nur die Argumentation des Schreibers:

„So geht Rassismus, in diesem Fall Antisemitismus: Man nimmt ein gesellschaftliches Problem oder auch nur einen erst mal ganz normalen Business-Deal, man personalisiert diesen abstrakten Vorgang und versieht das Ganze gleichzeitig wieder mit eher abstrakten, angeblich phänotypischen Details, die gar nichts mit der eigentlichen Sache zu tun haben – man schafft dadurch ein Klima des Verdachts, man appelliert an ein Potential von Vorurteil und sogar Hass, das immer leicht abrufbar ist.“

Soweit Diezens Vorwurf. Nun dessen eigene Schreibtischtat. Sie folgt, nur eine Woche später, exakt dem soeben von ihm angeprangerten Muster:

Am 6. März 2014 wirft er nämlich der Autorin Sibylle Lewitscharoff vor, mit einer Rede über moderne Reproduktionsmedizin „die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus“ geliefert zu haben und zitiert: ‘“Mit Verlaub“, sagte diese Herrenreiterin des Kleingeists in ihrem schwäbischen Singsang, „angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor.“‘

Was haben einige durchaus kritikwürdige Bemerkungen in Frau Lewitscharoffs Rede mit der Tatsache zu tun, dass die Autorin aus Württemberg kommt? Man muss in diesem Zusammenhang erwähnen, dass es in Diezens Wohnort Berlin und vor allem im Stadtteil Prenzlauer Berg in den vergangenen Jahren vermehrt zu antischwäbischen Ressentiments und Pöbeleien gekommen ist, zum Teil auch zu Schmähschriften, Anschlägen auf Gebäude und sogar zu einer Todesdrohung.

„Die Schwaben“ wurden dabei für angeblich asoziale Gentrifizierungsmethoden und damit für die Verdrängung der angestammten „einheimischen“ Bevölkerung verantwortlich gemacht. Auf solchen Ressentiments lässt sich prima aufbauen, wenn man eine offenbar zutiefst gehasste Person aus Stuttgart am liebsten final niedermachen möchte.

„Bücher töten nicht, und Autoren sehr selten – doch ihre Gedanken haben Konsequenzen: Sie formen die Wut und die Menschenverachtung, die andere in Taten umsetzen“, schreibt Diez am 18. April 2014 über die neuesten Bücher von T. Sarrazin und A. Pirinçci.

In der menschenverachtenden antischwäbischen Hass-Kolumne vom 6. März (um Diezens überschnappenden Ton hier mal ein wenig nachzuahmen) endet der Schreiber dann übrigens mit einer seiner – psychologisch hochinteressanten – Hinrichtungen: „Sibylle Lewitscharoff ist eine schlimme Kulturkriegerin, und wer jetzt noch ein Buch von ihr liest, kann nicht mehr behaupten, er habe von nichts gewusst.“

Und so einer besitzt die Chuzpe, wöchentlich über Meinungsfreiheit und einen vielfältigen und reichen demokratischen Diskurs räsonieren zu wollen? Geht’s noch, Diez?

FOTO:

"Aber die soziale, psychologische Entwicklung der Konsumgesellschaft ist in keiner Weise als etwas Erfreuliches zu erleben. Und da muss ich sagen, sind die Vereinigten Staaten heute wahrscheinlich das beste Beispiel, wie man es nicht machen kann, wie man es nicht machen sollte." (Fritz Stern in einem Deutschlandfunk-Interview, Dezember 2014)

Bernd Ulrich ist ratlos: Wieso finden viele Deutsche den russischen Präsidenten nicht halb so fies, wie Politiker und Journalisten das gern hätten, fragt er in der ZEIT. Versuch einer Antwort.

„Woran liegt es, dass so viele Bürger die Krimkrise ganz anders beurteilen als Politik und Medien?“, leitet Ulrich seinen Artikel ein. Warum wollen diese Menschen nicht begreifen, dass es hier auf der einen Seite um einen „aggressiven Autokraten“ und auf der anderen um uns, die „westlichen Demokratien“ geht. Man muss kein Putin-Versteher sein, um zu ahnen, dass wir im Rest des Textes kaum Differenzierteres erfahren werden.

Zum Beispiel, ob die aufgeworfene Frage im Rahmen einer Diskussion über Putin, Russland oder die Ukraine überhaupt zu beantworten wäre? Oder als Gegenfrage: was am Westen in punkto Freiheit und Demokratie momentan eigentlich so attraktiv und verteidigenswert sein soll? Steht der Ausbau oder wenigstens die Erhaltung von Freiheit wirklich noch auf unserer Tagesordnung? Der echten, wahrhaftigen, substanziellen Freiheit natürlich, nicht der Plazebofreiheit, die uns westliche Markt- und Machtideologen tagtäglich vertickern möchten.

Wie frei sind wir denn überhaupt?

Die Älteren unter uns haben die Zeit nicht vergessen, in der der böse Ostblock für kleine Leute im Westen noch große Vorteile brachte. Ungeachtet der miesen Verhältnisse im Osten, wirkte die schiere Existenz des realen Sozialismus nämlich so disziplinierend auf unsere Führer, dass sie dem kommunistischen Erzfeind lieber keine Argumente liefern wollten und deshalb tunlichst vermieden, die Masken fallenzulassen und ihre nackten Ausbeuter-, Kontrolleurs- und Bevormunderfratzen zu zeigen.

Dann kam der Fall des Eisernen Vorhangs und die lästige Mimikry konnte endlich weg. In der Folge bekam das hübsche freie Westgesicht Runzeln und Blessuren. Wie fragwürdig waren doch plötzlich viele Aktionen der Gewinner des Kalten Krieges, wie wenig ihren hehren Idealen verpflichtet, wie unverschämt auf den eigenen Vorteil bedacht, auf die Ausschaltung der Konkurrenz, auf die Sicherung der Rohstoffquellen (zur Not gern auch mit Kriegen), auf den Erhalt des luxuriösen Lebensstils. Und wie erbärmlich unsolidarisch war man mit den Ärmsten der Welt. „Diese Wirtschaft tötet“, brandmarkte Papst Franziskus das obszöne Gesamtpaket vor kurzem. Ein Satz wie ein Skalpell, an Schärfe kaum zu überbieten.

Freiheit unter Gleichen?

Mehr und mehr westliche Bürger haben inzwischen gelernt, dass ein texanischer, britischer oder deutscher Milliardär dem Wohlergehen der Weltbevölkerung um kein Jota dienlicher ist als ein russischer oder ukrainischer Oligarch. Und dass diese Burschen alle miteinander überhaupt nichts mit Freiheit unter Gleichen zu schaffen haben.

So wenig wie Legionen von hochspezialisierten teuren Rechtsanwälten und sonstigen Lobbyisten, die das Recht der Superreichen und der großen Unternehmen nach Belieben gegen die Bedürfnisse und Interessen der Mehrheit durchboxen.

So wenig wie die Tatsache, dass hiesige Großbanker nur mal kurz mit den Fingern fitschen müssen, um die Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums zur Lachnummer zu machen.

So wenig wie die Folterpraxis des Waterboarding, die Totalbespitzelung ganzer Völker oder Hinrichtungen ohne Gerichtsverhandlung mittels Drohnenangriffen unter Inkaufnahme verheerender Kollateralschäden unter völlig Unschuldigen.

So wenig wie intelligente Häuser mit tausend vernetzten Sensoren und Meldern, die unsere Lebensgewohnheiten an private und öffentliche Schnüffelnasen weitergeben. Oder intelligente Textilien, deren Fühler sogar Aktuelles aus unserer Unterwäsche ans Überwachungssystem melden. Oder all die weiteren kafkaesken Vorhaben und Pläne der endkapitalistischen Rast- und Ruhelosigkeit.

Wer, außer den wenigen Profiteuren wollte noch ernsthaft als Merkmale einer freien Gesellschaft verkaufen, was in Wirklichkeit doch nur Belege einer postdemokratischen Plutokratie und eines hypertrophierten und fehlgesteuerten Wirtschaftssystems sind? Galoppierende Naturzerstörung, rücksichtslose Ressourcenverschwendung, Schmarotzertum auf Kosten künftiger Generationen, … nein, dieser Westen kann offensichtlich keine sinnvolle Antwort auf die alles entscheidende Frage geben:

Wie bewohnt man ein Ferienhaus anständig?

Denn nichts anderes ist unser Aufenthalt auf Erden: das vorübergehende gemeinsame Bewohnen einer Ferienhaussiedlung. Wie also sollten wir Lebenden unseren Urlaub vom Nichtsein verbringen? Wie sollten wir für Gerechtigkeit und Lebensfreude im Jetzt und Hier sorgen? Und in welchem Zustand sollten wir das Feriendorf künftigen Bewohnern hinterlassen? Keine Ahnung? Mehr produzieren? Mehr Technik? … Tja, wer bei den wichtigsten Lebensthemen derart katastrophal versagt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er statt leidenschaftlicher Verteidiger und Fürsprecher immer mehr Zweifler und Gegner produziert.

Praktischer Vorschlag an alle Menschen guten Willens: sich zusammentun, Ärmel hochkrempeln, vor der eigenen Ferienhaustür kehren, fauliges Fallobst auf den Misthaufen der Geschichte befördern. Unseren Westen von Grund auf entrümpeln, reinigen, erneuern. Und zwar so, dass am Ende die wirtschaftlichen Verhältnisse mit den demokratischen Bedürfnissen und den planetaren Kapazitäten versöhnt sind.

Auf diesem Weg könnte unser freier und demokratischer Westen verlorengegangene Wohnlichkeit, Glaubwürdigkeit und Strahlkraft zurückerlangen. Und danach lösen wir dann Ihr Putinproblem, Bernd Ulrich. Versprochen.

"Der Freiheit, die sich hier brüstet, der fehlt es am Glauben an sich selbst. Darum gelingt ihr die heitre Miene nicht, die sie so gern annehmen möchte ... darum grinst sie ... wo sie lachen will." (Arthur Schnitzler: "Das weite Land")

GRAFIK:

Wir haben von der Relativitätstheorie so wenig Ahnung wie vom Jenseits, und doch folgen wir heute den Naturwissenschaften wie früher den Kirchen. Der Schafsglaube bleibt, nur die Makler wechseln.

So wie wir uns einst „Gott“, oder vielmehr dessen selbsternannten irdischen Stellvertretern ergaben, so unterwerfen wir uns heute der rechnenden „Vernunft“ und ihren Funktionären. Mit derselben Borniertheit, mit der wir zu Beginn der Neuzeit den Doktor Faustus verteufelten, vergöttern wir nun dessen eloquente und viel versprechende Nachfahren.

Früher besetzten Priester als Glaubensmakler den Platz zwischen uns und Gott. Sie entrückten uns das Göttliche und sorgten dafür, dass wir fortan ihre „Dolmetschdienste“ vergüten mussten. Begehrte man dagegen auf, genügte ein Hinweis auf unendliche Höllenqualen, um wieder gefügig zu werden. Wer dann noch nicht klein beigab, kam auf den Scheiterhaufen.

Die modernen Wissensmakler sind weit subtiler, manipulativer und gefährlicher. Sie besetzen den lebenswichtigen Raum zwischen uns und der Natur. Mit immer komplizierteren Methoden und Apparaturen versuchen sie und ihre Auftraggeber, uns abhängig zu machen, zu vernetzen, einzuzäunen, einzuschüchtern, unseren Willen zu brechen, sprich: uns zu domestizieren und damit endgültig zu unterwerfen.

Dieses Ziel ist heute leider weitgehend erreicht. Wir sind von der Natur inzwischen so weit getrennt und von den installierten wissenschaftlich-technischen Surrogatsystemen derart abhängig, dass an einen effektiven Widerstand kaum noch zu denken ist. Wer sich laut über diese Situation äußert, wird sofort als Defätist diffamiert, der die Menschheit zurück auf Bäumen oder in Steinzeithöhlen sehen möchte, statt im gelobten Land, das uns die Wissenschaften verheißen.

Wir und unsere Nachkommen werden aber nur in Frieden miteinander existieren können – und in Harmonie mit der Welt, in die wir eingewoben sind -, wenn wir wieder individuelle, auf eigenem Erleben und eigener Erfahrung gegründete Zugänge zu unseren Quellen und Wurzeln finden. Dies wird uns, aus den oben angedeuteten Gründen, nur ohne die Wissenschaften, nein: nur gegen sie gelingen.

Wir würden dann in der Tat ein überschaubareres Leben in kleineren Kreisen und mit neuem Maß und neuer Mitte führen. Viel direkter, mit weniger Arbeitsteilung, Maschinen, Ingenieuren, Technikern, Wissenschaftlern und ganz ohne Makler. Dafür mit einem Mehr an Arbeit, die genau das leistet, was sie leisten soll: Sinn und Würde zu verleihen, indem sie uns in die Lage versetzt, uns eine gelingende individuelle und gemeinschaftliche menschliche Existenz selbst zu schaffen.

Wir brauchen mehr Bescheidenheit, mehr Genügsamkeit und mehr Direktheit. Diese Forderung ist menschlich, weil sie uns kein morgiges Paradies verkündet und keine gestrige Steinzeit androht. In Letzerer werden wir indes mit Sicherheit landen, wenn wir so weitermachen wie bisher. Wer das Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“ gelesen & verstanden hat, weiß genau, wohin unbescheidene Wünsche am Ende führen.

Wissenschaft verlängert das Leben? Aber ist's mit dem Leben nicht wie mit der Wurst? Auf den Geschmack kommt's an, nicht auf die Länge.

GRAFIK:

Vorbilder (Folge 2): Sister Megan Rice, Michael Walli, Gregory Boertje-Obed

Mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit und Konsequenz haben sich Sister Megan Rice vom Orden „Society of the Holy Child Jesus“ und die beiden Vietnam-Veteranen Michael Walli und Gregory Boertje-Obed gegen Atomwaffen und Krieg eingesetzt. Für ihre Aktion gegen ein Atomwaffenlager in Oak Ridge (Tennessee) wurden sie zu harten Gefängnisstrafen verurteilt: die 84jährige Schwester Megan zu zwei Jahren und elf Monaten, die beiden Männer zu je fünf Jahren und zwei Monaten. Diese Strafen fallen als Schande auf die Vereinigten Staaten von Amerika zurück. Falls es Jesus Christus gibt, dürfte er mit großer Liebe und Rührung auf diese drei Aktivisten blicken.

GRAFIK:

Vorbilder (Folge 1): Edward Snowden

Entschlossen und ohne Rücksicht auf seine eigene Sicherheit und sein Leben hat Edward Snowden im Sommer 2013 die infamen Machenschaften der NSA und weiterer Geheimdienste offengelegt. Er hat damit der gesamten Menschheit einen wertvollen Dienst erwiesen. Wir erklären uns solidarisch und kampfentschlossen gegen die Totalüberwachung der Menschheit durch Geheimdienste und Internetfirmen aller Nationen. Wir verachten die Regierungen jener europäischen Staaten, die Edward Snowden bis zum heutigen Tag keinen Schutz vor Verfolgung angeboten haben und fordern sie auf, ihre unmoralische und feige Haltung endlich zu ändern. Dies gilt auch und besonders für die deutsche Regierung. Ihre Charakterlosigkeit in dieser Angelegenheit treibt einem die Scham- und Zornesröte ins Gesicht.

„Der Fisch stinkt vom Kopf her“

ist ein sinnvoller Satz, solange er vom Fischhändler stammt, denn bei dessen leicht verderblicher Ware zerfällt tatsächlich zuerst das Gehirn.

Die Redewendung führt jedoch in die Irre, sobald sie sinnbildlich verwendet wird. Wenn die Metapher vom stinkenden Kopf unter demokratischen Bedingungen auf Unternehmen, Behörden, Staaten angewendet wird, wenn Probleme also auf die Unfähigkeit leitender Personen oder Gruppen zurückgeführt werden, tauchen drängende Fragen auf, die die Rümpfe sich stellen müssten, falls sie denn ihre Rechte und Pflichten ernst nähmen.

Wie sind die unfähigen oder korrupten Personen oder Gruppen in ihre Kopfpositionen gelangt? Wie kommt es, dass sie Zeit und Gelegenheit hatten, dort Schaden anzurichten? Wo waren die Rümpfe als die von ihnen akzeptierten Köpfe versagten? Kurzum: wer ist eigentlich der Souverän in dieser vorgeblichen Demokratie und somit der Hauptverantwortliche? So entlarvt sich die beliebte Schuldzuweisung „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ als billige Entschuldigungsfloskel für das Desinteresse, die Nachlässigkeit und die Verantwortungslosigkeit der Rümpfe.

Wer jeder lästigen Verpflichtung, jedem Konflikt aus dem Weg geht, wer glaubt, sich für nichts Öffentliches, Gemeinschaftliches interessieren zu müssen, wer keine Rechenschaft fordert, wer auf sein Kontrollrecht, oder genauer: auf seine Kontrollpflicht pfeift oder sie an korrupte, auflagen- und quotengeile Massenmedien delegiert, wer jede Einladung zur Bequemlichkeit freudig annimmt, wer unterhalten sein will, ansonsten aber in Ruhe gelassen, der kommt nicht billig davon. Im Gegenteil: am Ende wird er teuer bezahlen.

Aber so weit denken die Rümpfe nicht. Schließlich ist bisher ja noch nichts Schlimmes passiert. Und kommt es doch einmal hart, kann man ja bequem auf Die da oben schimpfen.

Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus ... und kehrt nie wieder dorthin zurück.

Spielkonsole

Konsole leitet sich von lateinischen Wort consolator ab, was soviel wie Tröster bedeutet. Eine „Spielkonsole“ ist folglich etwas, das mittels eines Spiels trösten, das heißt: seelischen Halt bieten soll. Etwas, womit man sich vertrösten, also einen Verlust, einen Mangel verschmerzen oder vergessen kann. Jeder kann sich selbst ausmalen, wie dieser Mangel aussieht und worauf er zurückzuführen ist. Es dürfte nicht unwahrscheinlich sein, dass der Spielkonsole als Tröster ein paar Jahre später das Auto, die Karriere, das Fitness-Studio, die Lebensabschnittspartnerschaft, der Kaufrausch und am Ende der Schnaps folgen wird. Trostlose Aussichten.

Grafik © 2013 by Gisela Specht

GRAFIK:

„Stoppt den brutalen Tugendterror! Sagt Eure Meinung! Zeigt Eure Schönheit!“

Am 24. Februar 2014 stellte Thilo Sarrazin sein neuestes Buch „Der neue Tugendterror“ vor, in dem er der deutschen Politik und den deutschen Medien vorwirft, gleichgeschaltet zu sein und ihn mundtot machen zu wollen.

Am 2. März 2014 sorgten im „Berliner Ensemble“ fantasielose, unbeherrschte und offenbar wenig intelligente Gegendemonstranten dafür, dass Sarrazin bei einer Veranstaltung nicht zu Wort kam. Was hätte man Tolles machen können, ohne diesem Sauertopf einen solchen Trumpf in die Hand zu spielen! Und hätte man ihm bloß schweigend zugehört und wäre am Ende in ein langes homerisches Gelächter ausgebrochen. Stattdessen brauchte sich Sarrazin nur grinsend zurücklehnen und durfte sich in allen seinen Thesen bestätigt fühlen. Nun, so fördert man das Geschäft des Rattenfängers und seiner spottenden Entourage, statt diese Leute wirksam in die Schranken zu weisen. Traurig, traurig! Was wohl der gute alte Bertolt Brecht diesen Schreihälsen mit auf den Nachhauseweg gegeben hätte? Eine Kopfnuss vielleicht?

„Die Wachstumsparty ist vorbei“, befindet Niko Paech. Der Volkswirtschaftler und Kritiker der Wachstumsideologie forscht und lehrt an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg.

Prof. Dr. Paechs lebendiger, anschaulicher und humorvoller Vortrag zum Thema ist via YouTube verfügbar und kann nur wärmstens empfohlen werden. In gut 100 Minuten verdeutlicht er, wohin ein unvernünftiges „Weiter so wie bisher“ die Welt führen würde, und gibt Ausblicke darauf, wie ein vernünftiges „Anders als bisher“ aussehen könnte.

"Wer Wachstum infrage stellt, wird von den klassischen Ökonomen angeschaut als käme er geradewegs von den Zeugen Jehovas. Fast scheint es, das Wachstum habe mittlerweile den Rang einer Religion erlangt und brauche schon deshalb nicht mehr infrage gestellt zu werden." (Reiner Klingholz)

In seinem Spätwerk „Träume“ aus dem Jahr 1990 verfilmte Akira Kurosawa (1910 – 1998) in acht Episoden eigene Träume, bzw. Alpträume. „Das Dorf mit den Wassermühlen“ ist die achte, abschließende Episode.

In ihr wirft der japanische Regisseur einen wehmütigen Blick in eine Art „Paradies auf Erden“. Als eine Art „Retro-Utopie“ bekommen wir vor Augen geführt, welch ein glückliches, sinnvolles und erfüllendes Leben möglich wäre, könnte man nur auf Bequemlichkeit und Gier verzichten.

Der Besucher: "Es gibt hier keine Elekriziät?"
Der Alte: "Brauchen wir nicht. Die Menschen gewöhnen sich zu schnell an Bequemlichkeit. Sie meinen, das Bequeme sei das Bessere und werfen dafür das wirklich Gute weg."
Der Besucher: "Aber was ist mit der Beleuchtung?"
Der Alte: "Wir haben Kerzen und Leinöl-Lampen."
Der Besucher: "Aber die Nacht ist so dunkel."
Der Alte: "Ja. So soll die Nacht ja wohl auch sein. Warum sollte die Nacht hell sein wie der Tag? Ich würde keine Nächte wollen, die so hell sind, dass man die Sterne nicht sieht."
Kurze Inhaltsbeschreibung der Episode, zitiert aus dem Wikipedia-Artikel "Akira Kurosawas Träume": "Das erwachsene Ich spaziert durch ein ursprüngliches Dorf bei schönstem Sonnenschein, und trifft zwischen Wassermühlen und Bächen einen arbeitenden Greis. Dieser erzählt langsam, gelassen, vernünftig und überzeugend von den Vorzügen eines Daseins im Einklang mit der Natur. Der Film schließt mit einem fröhlichen, bunten, lauten Beerdigungszug für eine Frau, die im Dorf mit den Wassermühlen ein gutes, langes Leben geführt hat."

GRAFIK: Sind wir morgen überflüssig?

„Arbeit macht frei.“ … „Wissen ist Macht.“ … Leitsätze für die erfolgreiche Gesellschaft von morgen oder hohle Beschwörungsformeln von vorgestern? Ein Interview mit Dimitri Gutnacht.

Dimitri, in deinem Text „Individualismus“ verwendest du eine Fotomontage, in der der zynische Nazispruch „Arbeit macht frei“ im Eingangstor des KZs Sachsenhausen umgedreht wird zu dem Satz: „Freiheit macht Arbeit“.

Der Spruch „Arbeit macht frei“ ist viel älter. Er wurde von den Nazis nicht erfunden, sondern nur in einem perversen Kontext verwendet. Zusammen mit der Formel „Wissen ist Macht“ gehört er zu den allgemein akzeptierten und verinnerlichten Grundsätzen der Neuzeit. Seit den 1960ern dämmert nun allerdings eine Ahnung herauf, die sich inzwischen zur Erkenntnis verdichtet: dass es sich bei diesen vermeintlich rationalen Leitgedanken um nichts anderes als um reine Glaubensbekenntnisse handelt.

Aber Arbeit und Wissen sind doch mehr als nur ein ideologisches Konstrukt. Sie sind Grundlage unseres Lebens in dieser Welt.

Dann sehen wir uns die Arbeit doch mal an. Sie wird täglich noch arbeitsteiliger, noch globaler, noch effektiver. Aber sie befreit uns nicht. Im Gegenteil: sie mauert uns in ein Gefängnis aus immer schneller wachsenden Bedürfnissen und damit zunehmenden Bedürftigkeiten und Abhängigkeiten ein. Die Arbeit hat ein Stadium erreicht, in dem sie unser Leben eher verarmt als bereichert. Die Arbeit verliert ihren sozialen und humanen Charakter. Sie wird asozial. Sie überfordert uns. Wir vereinsamen durch sie, statt in der Fülle der Zeiten zu leben. Das ist ja wohl das Gegenteil dessen, was wir uns einmal als „Die Freiheit“ ausmalten.

Du meinst Freiheit im Sinne Nazim Hikmets: „Leben, einzeln und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht“?

Genau in diesem Sinn. Stattdessen werden wir immer unfreier. Wir verarmen. Die germanische Wurzel des Wortes ‚arm‘ hat übrigens die Bedeutung ‘vereinsamt, verlassen’. Aber kommen wir jetzt zum zweiten Begriff, zum Wissen. Es wächst derart schnell, dass wir es nicht mehr überblicken können. Der Definition zufolge sollten wir also ebenso schnell mächtiger werden. Leider ist das Gegenteil richtig. Selbst die Regierungen der technisch und wissenschaftlich führenden Nationen haben längst die Kontrolle über die Entwicklung des Wissens verloren. Während in Ausschüssen und Kommissionen noch über drei Probleme von vorgestern beraten wird, sind bereits tausend neue, noch viel größere Probleme virulent. Millionen von macht-, prestige- und gewinnsüchtigen Zauberlehrlingen hüpfen, frei von jedem Verantwortungsgefühl, durch eine anarchische Welt und experimentieren am lebenden Objekt, ohne Rücksicht auf Mensch und Natur und ohne Haftung für die Folgen ihres Tuns. Ist das etwa kein Kontroll- und damit Machtverlust? So führt uns die Explosion des Wissens wie ein bizarrer Spiegel unsere wachsende Ohnmacht und Insuffizienz vor Augen.

Die wissenschaftlich-technische Entwicklung wird aber doch als riesige Erfolgsgeschichte für die gesamte Menschheit verkauft. Und wenn man den Propagandisten der kybernetischen Revolution glaubt, werden sich all unsere Probleme nur mit noch mehr Wissenschaft und Technik lösen lassen.

Die Entwicklung von Arbeit und Wissen ist keine Erfolgsgeschichte wachsender Freiheit, Unabhängigkeit und Macht. Im Gegenteil: sie ist die Geschichte unserer zunehmenden Systemabhängigkeit. Seit dem Start der „Industrialisierungsrakete“ vor zweihundertfünfzig Jahren und noch mehr seit dem Zünden des „kybernetischen Nachbrenners“ vor etwa fünfzig Jahren erhöht sich ständig die weltweite Tendenz zur Anpassung aller Dinge und allen Lebens an dieses System, sprich: der Zwang zur Gleichmachung und Monotonisierung der Welt. Mit der Durchrationalisierung der Welt, mit ihrer kompletten Berechenbarmachung reift das Unerhörte heran: das Überflüssigwerden des Menschen, der sich in seiner vergleichsweisen Unzulänglichkeit mehr und mehr als Störfaktor für das System erweist.

Du meinst, wir sind Systemjunkies, die im Interesse eines ungestörten Ablaufs des großen Ganzen auf die Abschussliste kommen und liquidiert werden könnten?

Wenn wir uns nicht wehren, ja. Wenn wir nicht auf unserem Recht beharren, menschlich zu bleiben, Personen, Individuen zu sein. Wenn wir unter Wahrung unserer Würde überleben wollen, muss es zu einem massiven weltweiten Rückbau des kaufmännisch-technischen Plünderungs- und Weltzerstörungssystems kommen. Das ist die Arbeit, die ich meinte, als ich den Spruch umdrehte: „Freiheit macht Arbeit“. Das Schafe-Wölfe-System hat seine Grenzen erreicht und ist dem Tod geweiht. Auch ohne unser Zutun wird sein Zusammenbruch unweigerlich kommen. Aber ohne gezielte Abbrucharbeit kommt er anarchisch und ungeregelt, mit verheerenden Folgen für Milliarden von Menschen.

"... denn uns, den Bewohnern des ausgehenden 20. Jahrhunderts und der Automation, scheint es evident zu sein, daß die von den modernen Maschinen gestellte Frage der Werte jede optimistische Interpretation ausschließt, und das zumindest seit der industriellen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts." (Vilém Flusser, aus: Gesten: Versuch einer Phänomenologie, Frankfurt am Main, 1994)

Schwarmintelligenz

„Liquid Democracy“ – Direkte Demokratie via Internet? Online-Petitionen? Politische Willensbildung im Kommentar-Thread? Hanns N. Mair hält nichts von Schwarm“intelligenz“.

In Stanisław Lems Science Fiction-Roman „Der Unbesiegbare“ versucht die Besatzung eines Raumschiffs gleichen Namens auf dem Planeten Regis III das Schicksal ihres vermissten Schwesterschiffs „Kondor“ aufzuklären. Es stellt sich heraus, dass die Leute der „Kondor“ von einem Schwarm Metallinsekten außer Gefecht gesetzt wurden, der nun auch die Mannschaft des „Unbesiegbaren“ angreift. Einzeln sind die Insekten völlig ungefährlich. Als Schwarm jedoch können sie ein extrem starkes Magnetfeld erzeugen, um das Bewusstsein ihrer Gegner zu löschen, wodurch diese so hilfsbedürftig werden wie Neugeborene. So weit, so grässlich.

Befragt man den „Kluge“ über Herkunft und Bedeutung des Wortes Schwarm, erfährt man, dass es aus einer dem Verb schwirren ähnlichen Schallwurzel stammt und neben dem Mücken- oder Fischschwarm auch einen Taumel bezeichnet. Das Verb schwärmen wird definiert als „sich auf wirklichkeitsferne Weise für etwas begeistern“. Schwärmer richten sich auf eine Idee oder ein Idol hin aus und treten dann gern in Schwärmen auf. Den Siegeszug des Nationalsozialismus kann man als Beispiel für ein solches Schwarmverhalten von Massen sehen. Dazu wertvolle Hinweise von José Ortega y Gasset, dem Verfasser des bahnbrechenden Werks „Der Aufstand der Massen“ (span. 1929 / dt. 1931):

„Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist“, schreibt er. Er meint damit jene Masse, die glaubt, „… es sei ihr gutes Recht, ihre Stammtischweisheiten durchzudrücken und mit Gesetzeskraft auszustatten.“ Jene durchschnittlichen, mittelmäßigen Leute, die, wenn sie einen Autor von Rang und Bedeutung lesen , „… es nicht tun, um etwas von ihm zu lernen, sondern im Gegenteil, um über ihn abzuurteilen, sobald er nicht mit den Plattheiten übereinstimmt, die sie im Kopf haben.“ Wer je die Kommentarthreads der Online-Zeitungen von faz.net bis sueddeutsche.de gelesen hat, kann Ortega y Gasset nur beipflichten.

Zu den Plattheiten gehört unter anderem, den zoologischen Begriff Schwarm auf Menschen anzuwenden und dies dann auch noch als Fortschritt zu verkaufen. Tatsächlich muss man hier beunruhigende Vorzeichen eines neuen Abgleitens ins Totalitäre befürchten. Wer mit Begriffen wie „liquid democracy“ hantiert, sollte wissen, dass der Verflüssigung von etwas Festem am Ende die gänzliche Verflüchtigung folgen könnte.

Schwarmintelligenz ist ein intellektueller Offenbarungseid, keine passende Antwort auf die komplexen Fragen unserer Zeit. Auf Schwarmintelligenz zu setzen, bedeutet nichts anderes als die eigene Verantwortung in Richtung einer vermeintlich höheren Instanz wegzuschieben. Wer unbedingt auf ein höheres Wesen bauen will, soll einer Religionsgemeinschaft beitreten. Dort bekommt er hoffentlich einen ideellen Gegenwert für sein Engagement. Im Schwarm wird ihm statt ewiger Weisheit nur das Rülpsen und Furzen der Masse begegnen – der Begriff des „Shitstorms“ richtet sich selbst.

Immer noch besser als ins Magnetfeld eines Metallinsektenschwarms zu geraten, finden Sie? … Nu, auch e Trost!

Mehr zum Thema:
"Individualismus" von Dimitri Gutnacht

Deutsche Freiheit

Es gibt viele gute Gründe für die Einführung einer allgemeinen Höchstgeschwindigkeit auf unseren Autobahnen: reduzierter Spritverbrauch, flüssigerer Verkehr, gesenkte Unfallgefahr, …

… um nur mal drei der wichtigeren zu nennen. Gegenargumente? Gibts nicht. Keine rationalen. Die Kritiker einer Geschwindigkeitsbegrenzung argumentieren aus der Tiefe des emotionalen Raums. Sie unterstellen den Verteidigern des Tempolimits, unsachlich und ideologisch zu argumentieren, doch ihre eigene „Argumentation“ mündet letztlich immer nur in das eifernd vorgetragene Glaubensbekenntnis: „Freie Fahrt für freie Bürger!“

Die treibende Kraft hinter dieser „Kirche der heiligen Geschwindigkeit“ sind tausende Lobbyisten, Verbands- und Unternehmensvertreter, die direkt oder indirekt vom Missbrauch des Automobils als Freiheitsersatz und Fetisch profitieren. Sie haben beste Beziehungen in höchste politische Ebenen und somit Einfluss genug, sich jede gewünschte Extrawurst braten zu lassen. So sorgte die Bundesregierung gerade dafür, dass die neuen, niedrigeren EU-Richtwerte für den CO2-Ausstoß erstmal nicht eingehalten werden müssen. Wegen ihrer hochgezüchteten Spritfresser und PS-Protze würde die deutsche Autoindustrie sonst nämlich wertvolle Marktanteile verlieren. Ideologie“freie Marktwirtschaft“ nennt man so etwas.

Unter emotionalen Gesichtspunkten betrachtet hat die Automobilindustrie in Deutschland eine ähnliche Bedeutung wie die National Rifle Association in den USA. Beide sind fixiert auf Produkte, denen eine Aura persönlicher Freiheit anhaftet. Der Mann, das Pferd, die Büchse. Wehe dem, der es wagt, diese atavistischen Verknüpfungen kritisch zu hinterfragen! Dabei wäre es allerhöchste Eisenbahn die Bedeutung des Autos endlich auf jene Funktion zurückzufahren, die ihm vernünftigerweise zukommen sollte: die eines Transportmittels unter anderen, das so sicher, ressourcenschonend und emotionslos wie nur möglich zum Einsatz kommen sollte. Und natürlich völlig unideologisch.

"Wenn ich in Charge wäre - aber ich habe keine Zeit, ich muss ja Bücher schreiben - würde ich alle Lobbyisten verbannen. Nein, ich würde sie zu Katzenfutter verarbeiten lassen." T. C. Boyle

Die Hitlerei war keineswegs etwas Fremdes, das über uns kam. Sie war eine fratzenhafte Entgleisung jenes Gesichts, mit dem wir auch noch heute herumlaufen.

Schuld und Pflicht

„Es muss doch endlich einmal Schluss sein!“

Dieser Satz war falsch, ist falsch, bleibt falsch. Es gibt eine gemeinsame Schuld am Aufstieg des Nationalsozialismus und an der Entfesselung seiner destruktiven Kräfte und es kann kein Ende der aus ihr erwachsenen Verantwortung geben. Schuldig gemacht hat sich, wer aktiv mitwirkte. Mitschuldig, wer keine Gegenwehr leistete. Das ist furchtbar und bitter und es gehört zu den größten Tragödien unserer Geschichte. Wir Nachgeborenen waren bisher nicht in einer vergleichbaren Situation. Wir mussten uns noch nicht bewähren. Das kann sich jederzeit ändern. Unsere Herausforderung wird anders aussehen als die unserer Großeltern. Sie wird auf leiseren Pfoten heranschleichen, sie wird unauffälliger aussehen als damals. Vielleicht sind ihre Vorboten schon da und wir beachten sie nur noch nicht? Eine überzeugende Gegenwehr wird es nur geben, wenn wir uns erinnern, wie schnell man mitschuldig wird. Erinnern heißt die Pflicht, die uns auferlegt ist.

"Ohne Unterstützung durch breite Massen des deutschen Volkes hätte der Nationalsozialismus weder zur Macht kommen, noch sich an der Macht halten können, und an dieser offenkundigen Tatsache ändert es nichts, dass diese selben Massen zum Teil vorher sozialistisch und kommunistisch gewählt haben und heute wieder wählen. Man kann den Nationalsozialismus nicht ärger verkennen, als wenn man seinen Massencharakter leugnet."
(Götz Aly, zitiert aus: "Warum die Deutschen? Warum die Juden?")

Wir sind Pofalla

„Unsere Politiker“, sagen wir, „sind schlecht, weil sie nur reden und nichts tun“. Wenn das stimmte, wären wir selbst schlecht, denn es sind unsere Politiker. Wir haben sie derart verlottern lassen.

Sie sind geworden wie wir, sie gehören zu uns, sie passen zu uns. Sie sind die Politiker, die wir insgeheim wollen. Wir wollen Politiker, die nichts ändern. Wir ahnen zwar, dass eine Änderung nötig wäre, um unsere Probleme zu lösen. Wir wollen aber keine Änderung. Uns ist die trügerische Stabilität des Stillstands lieber als jede noch so kleine Bewegung. Deshalb wollen wir nicht, dass unsere Politiker an einen Wandel auch nur denken.
Wir wollen Politiker, die so tun, als würden sie Probleme anpacken, während sie in Wirklichkeit nichts tun. Wir wollen unseren Politikern jederzeit sagen können: „Ihr tut nichts, um unsere Probleme anzupacken“, damit wir nicht zugeben müssen, dass wir selbst aus Gewinnsucht, Feigheit und Bequemlichkeit keines unserer Probleme angepackt wissen wollen.
Wenn Räuber kommen, Teile unseres Lebens stehlen und dabei sagen: „Seid bloß froh, dass wir nicht noch mehr nehmen!“, dann wollen wir, dass unsere Politiker die Drohung dieser Ganoven aufgreifen und bestätigen. Dann müssen wir uns nicht mehr mit der Demütigung durch die Verbrecher befassen, sondern können stattdessen Politiker beschimpfen, weil die Lage so beschissen ist, und sie auch keine passende Lösung wissen.
Würden wir wollen, dass unsere Politiker etwas tun, hätten wir andere Politiker. Wir wollen aber exakt jene, die wir haben, denn:
Wir sind wie sie.
Sie sind wie wir.
Wir sind Pofalla.

Verteidigungspolitik

Mit 31.871.857.000 € belastete die Landesverteidigung 2012 den Bundeshaushalt. Pro Soldat waren das 14.285 € im Monat. Zu 99,5% rausgeschmissenes Geld, findet Dimitri Gutnacht.

In Verlautbarungen deutscher Verteidungspolitiker wird die Bundeswehr gern als einer der größten deutschen Arbeitgeber bezeichnet. Was wird dort eigentlich gearbeitet? Zu welchem Zweck und mit welchem Ergebnis? Ein Bundeswehr-Slogan behauptete einst: „Wir produzieren Sicherheit“. Tatsächlich? Wie sieht diese Sicherheit denn aus? Ein Mitglied der Bundesregierung behauptete: „Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt.“(1) Inzwischen zieht sich die Bundeswehr nach dem teuersten Auslandseinsatz ihrer Geschichte aus Afghanistan zurück. Er wird am Ende über 22 Milliarden Euro gekostet haben und Sachverständige aller Lager sind sich darin einig, dass mit ihm kein Effekt erzielt wurde, der auch nur annähernd in einer vernünftigen Relation zu diesen Kosten stünde. Jedes private Unternehmen mit einer derart verheerenden Bilanz würde augenblicklich abgewickelt, es sei denn, es wäre „systemrelevant“.

Wozu benötigen wir als ein „von Freunden umzingeltes Land“(2) eine Einrichtung wie die Bundeswehr? Weil man Deutschland in die Lage versetzen möchte, eine globale Interessenspolitik mit militärischen Mitteln betreiben zu können? Weil man denkt, „… dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen.“?(3)

Spinnen wir diese Gedanken ruhig weiter. Wer so etwas wirklich wollte, müsste die Bundeswehr zu etwas radikal Anderem umformen. Er müsste eine Präzisionswaffe aus ihr machen, mit der deutsches Machtpotenzial mittels rücksichtslos durchgeführter militärchirurgischer Eingriffe an jedem Ort des Planeten realisiert werden könnte. Hierzu müsste die Bundeswehr verkleinert, professionalisiert, mit entsprechendem Gerät und verschlankten Hierarchien versehen werden. Und vor allem müsste sie auf eine neue verfassungsrechtliche Grundlage gestellt werden. Aus der Parlaments- und Verteidigungsarmee müsste eine exekutiv einsetzbare Angriffstruppe werden. Deutschland würde mit einem lauten Knall das Geschichtsbuch schließen und die Lehren aus seiner jüngeren Vergangenheit ad acta legen.

Alternativ könnte man die Bundeswehr aber auch abschaffen, die freiwerdenden Kräfte dem Arbeitsmarkt zuführen und mit den eingesparten Mitteln eine Bildungsoffensive bisher ungekannten Ausmaßes starten. Damit würde man die einzige verbliebene ‚Waffe‘ schärfen, mit der der Kampf um eine menschliche Zukunft noch zu gewinnen wäre: eine möglichst breite Geistes-, Herzens- und Charakterbildung.

Leider kommt dieser Weg nicht in Frage, denn es gab und gibt neben den Verlockungen militärischen Muskelspiels einen weiteren und wirklich triftigen Grund für den Erhalt der Bundeswehr, über den allerdings nur ungern offen gesprochen wird: sie muss und wird fortbestehen, damit im Ernstfall die Rechte jenes halben Prozents der Bevölkerung geschützt werden können, welches über fast das gesamte produktive Eigentum und damit über die tatsächliche Macht in unserem Land verfügt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die Bundeswehr in der Tat ein systemrelevantes Unternehmen.

(1) Bundesverteidigungsminister Peter Struck (März 2004)
(2) Altbundespräsident Johannes Rau (2005)
(3) Bundespräsident Horst Köhler (Mai 2010)

Individualismus?

"Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen." (Theodor W. Adorno)

„Wir leben im Zeitalter des Individualismus.“ Diese Behauptung hört man immer öfter. Trifft sie zu? Dimitri Gutnacht bestreitet das.

Wir hören, unser gesellschaftliches Leben werde durch kaum etwas so stark geprägt, wie durch zunehmenden Individualismus. Von Liberalen wird dies als Beweis für gesunde demokratische Pluralität gewertet, von Konservativen als Beleg für den Verlust des gemeinsamen Wertekanons und für fortschreitenden gesellschaftlichen Zerfall. Aber von keiner Seite wird die Grundaussage bestritten. Leben wir also wirklich in einer immer stärker individualistisch orientierten Welt?

Bevor ich auf die Frage eingehe, möchte ich Individualität definieren, und zwar als die Möglichkeit des Individuums, seine Einzigartigkeit zu leben. Die Einzigartigkeit speist sich aus unterschiedlichen Quellen, wie zum Beispiel dem Datensatz der Erbinformationen oder der spezifischen Art und Abfolge der Ereignisse in der jeweiligen Lebenschronik.

Wie lebt man also heute seine Einzigartigkeit? Ich wende mich stellvertretend Carmen zu, einer Frau aus meiner Nachbarschaft, und betrachte ein paar typische Vorgänge aus ihrem Leben:

  • Szene 1. Donnerstagabend. Carmen klickt sich durch diverse Online-Angebote. Sie informiert sich über ein angesagtes Outfit und lässt sich nach genauem Studium der Modelfotos eine Bluse, ein Jackett, eine Hose, Söckchen, Schuhe und diverse Accessoires nach Hause schicken.
  • Szene 2. Freitag. In einem firmeninternen Lehrgang bekommt Carmen Informationen über neue Versicherungsprodukte und argumentative Strategien für deren Verkauf an bestimmte Zielgruppen. In einem auf Video aufgezeichneten Rollenspiel beweist Carmen, dass sie die gelernten Argumente bereits eigenständig in Verkaufsgespräche transferieren kann.
  • Szene 3. Freitagabend. Carmen schiebt ein tiefgefrorenes „Schlemmerfilet à la Bordelaise“ in ihren Backofen und verspeist es 40 Minuten später in der Einbauküche ihres Single-Appartements. Dabei sieht sie auf ihrem Tablet eine Folge von „Notfall 713“ an, zappt zwischendrin auch mal auf andere Kanäle, um festzustellen, ob dort etwas Interessanteres läuft, und checkt nebenbei im „Sozialen Netzwerk“ die Neuigkeiten aus ihrem Freundeskreis.
  • Szene 4. Samstag. Auf der Suche nach einem passenden Geburtstagsgeschenk für ihren zehnjährigen Neffen Cedrick geht Carmen in einen Elektromarkt. Sie lässt sich von einem Verkäufer beraten und ersteht das Computerspiel „Fuckin‘ Banana“.
  • Szene 5. Samstag. Cedrick ist begeistert, weil er von Tante Carmen das Spiel bekommen hat, das Mama und Papa nicht erlaubt hatten, weil es erst ab zwölf Jahren freigegeben ist.
  • Szene 6. Samstag. Carmen lässt sich die Haare stylen, schminkt sich, trägt ein Parfüm auf, zieht die neuen Klamotten an, die per Paketdienst eingetroffen sind und geht anschließend auf eine Party, wo sie Komplimente für ihr Aussehen bekommt.

Markieren Sie nun bitte Stellen im Text, die Sie als Beispiele für gelebte Individualität Carmens bezeichnen würden. Finden Sie keine? Sehen Sie nur ein Abarbeiten fremdgefertigter Angebotslisten? Drängt sich Ihnen die Erkenntnis auf, dass Carmens vorgeblicher „Individualismus“ in Wirklichkeit nichts anderes ist als Mimikry? Vermuten Sie, dass sich Carmens „freie“ Wahl darauf beschränkt, aus vorgefertigten und genormten, sprich: programmierten Teilen eine individuell anmutende Uniform zusammenzustellen?

Teil eines postsozialen Programms zu sein, diese Blöße bedeckt Carmen mit einem Tarnmäntelchen der Pseudoindividualität.

Freiheit macht Arbeit

Zugegeben, das klingt extrem zugespitzt. Aber ist es nicht so, dass wir heute alle mehr oder weniger so leben wie Carmen? Dass wir es anstandslos schaffen, unsere Abhängigkeit vom standardisierten Versorgungssystem vor uns selbst zu verbergen? Haben wir nicht längst aufgegeben, uns den Anstrengungen und Zumutungen echter Individualität auszusetzen, falls wir dies überhaupt je gelernt haben? Ist es nicht enorm anspruchsvoll und zeitraubend, individuell zu sein? Man muss doch so vieles selbst organisieren, was einem der Apparat zur Verfügung stellt, massenhaft, genormt und seelenlos zwar, dafür aber sehr viel bequemer.

Es ist keineswegs verboten, seine Eigenständigkeit und Souveränität Stück für Stück an den Apparat abzugeben. Vom Standpunkt der Programmierer aus gesehen ist dies sogar hochgradig erwünscht, denn jede Individualität stört den reibungslosen Ablauf des Programms. Jeder darf und soll den Anspruch stellen, versorgt zu werden. Aber wäre es dann nicht redlich, dieses Einknicken vor der Totalität des Apparats als das zu benennen, was es ist: Kapitulation vor dem Kollektivismus 2.0, dem System der allgemeinen Käfighaltung?

Es ist höchste Zeit, mit einem fatalen Missverständnis aufzuräumen: echte Individualität und echte Sozialität stehen keineswegs in einem Gegensatz, sondern bedingen einander. Robinson Crusoe konnte seine Einzigartigkeit erst sinnvoll leben, als er in Freitag wenigstens ein anderes Individuum als menschliches Gegenüber gefunden hatte. Bis zu diesem Augenblick war Individualität für ihn völlig irrelevant. Um seine Einzigartigkeit leben zu können, muss das Individuum also in einem echten, warmen, lebendigen gesellschaftlichen Austausch stehen. In jener positiven solidarischen Auseinandersetzung, vor der wir uns mehr und mehr in unsere angeblich so individuellen Käfigabteile flüchten.

Wir werden also keineswegs individueller, wir vereinsamen. Mit unseren realen sozialen Beziehungen verblasst zugleich unser Lebenssinn und unsere Individualität.

„Pfui! einen Preis zu haben, für den man nicht mehr Person bleibt, sondern Schraube wird! Seid ihr die Mitverschworenen in der jetzigen Narrheit der Nationen, welche vor allem möglichst viel produzieren und möglichst reich sein wollen? Eure Sache wäre es, ihnen die Gegenrechnung vorzuhalten: wie große Summen inneren Wertes für ein solches äußerliches Ziel weggeworfen werden! Wo ist aber euer innerer Wert, wenn ihr nicht mehr wißt, was frei atmen heißt?“ (aus Friedrich Nietzsche: Die Morgenröte / 206. Der unmögliche Stand)
Alleinlebende in Deutschland 
1992: 11,4 Millionen (14%), 2011: 15,9 Millionen (20%) 
Quelle: Statistisches Bundesamt
Mehr zum Thema:
"Schwarmintelligenz" von Hanns N. Mair

Brauchen wir das?

Münchens Bewerbung um die Winterolympiade 2022 scheiterte an Bürgerentscheiden in den vier Austragungsorten. Josef Joffe beklagt das. Franz von Ramersdorf findet es prima.

Am 10. November 2013 scheiterte die Bewerbung um die Winterolympiade 2022 an Bürgerentscheiden in den vier geplanten Austragungsorten. Im „Handelsblatt“ vom 14. November kritisiert „Zeit“-Mitherausgeber Josef Joffe dieses Ergebnis: „Eine neue Beschaulichkeit wie im Biedermeier“ habe dazu geführt, klagt er. „Weil wir reich geworden sind und wie alle Privilegierten Sicherheit suchen“, empfänden wir “Wandel als Störung, ja als Verlust“. Wir sollten das Sportfest „nicht den Autoritären überlassen“, weil wir „Olympia brauchen“.

Brauchen wir wirklich eine öffentlich subventionierte internationale Leistungsschau von Sportgewerbetreibenden und interessierten Medien-, Lifestyle- und sonstigen Tittytainment-Unternehmen? Brauchen wir Legionen von korrupten Sportfunktionären und -lobbyisten? Brauchen wir gedopte Zuchtmenschen, die einem gaffenden Publikum vorführen, dass man noch eine Hundertstelsekunde mehr aus sich herausholen kann, wenn man den richtigen Doc und einen großzügigen Sponsor hat? Die Bevölkerung von vier oberbayerischen Landkreisen und Kommunen hat ihre Meinung zur Veranstaltung eines solchen Zirkus auf ihrem Territorium deutlich und souverän kundgetan.

Und wie ist es mit den von Joffe beschworenen Ähnlichkeiten zwischen unserer Gegenwart und der Biedermeierzeit? Leben wir in einer beschaulichen Welt? Liegen wir schnarchfaul auf dem Kanapee? Die aktuellen Arbeits- und Krankheitsstatistiken sprechen eine andere Sprache. Ziehen wir uns etwa ins private Idyll zurück? Die wachsende Bereitschaft zu Flexibilität und Mobilität im Beruf bestätigt dies nicht. Dass Bürger Abstimmungen veranstalten, um überkandidelte und unsinnige Großprojekte zu verhindern, stellt ebenfalls keine Parallele zur Lebenswirklichkeit im Biedermeier dar, als die Bevölkerung durch harsche Unterdrückungsmaßnahmen von jeglicher Eigeninitiative ferngehalten wurde.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Die Verhältnisse im Biedermeier entsprechen nicht denen in unserer Zeit. Eher jenen bei Joffes „Autoritären“, denen er die Olympiade nicht gönnen will. Ja, warum eigentlich nicht? Das zur Freakshow heruntergekommene protzige und prollige Sportgroßereignis wäre bei den Diktatoren doch exakt am richtigen Platz. Die könnten auch tolle neue Disziplinen einführen, zum Beispiel „Koffeinbrause-Wetttrinken während eines Sprungs aus dem Weltall“ oder „Drohnen-Zielanflug mit Präzisionsliquidierung“ oder „Kryptisches Datenschnellentschlüsseln“. Gosh! Da wäre noch ein riesiger Surplus an fun & sensation drin!

Kleine Zeitung: 
"Ist ein Wechsel in die Politik eine Option für Ihre Zukunft?"
Felix Baumgartner: 
"Nein, man hat das am Beispiel Schwarzenegger gesehen: Du kannst in einer Demokratie nichts bewegen. Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen, wo es ein paar Leute aus der Privatwirtschaft gibt, die sich wirklich auskennen."
[Kleine Zeitung, 27. Oktober 2012]
Mehr zum Thema:
"Bremsen!" von Hanns N. Mair

Egon Friedell

Zwei Friedell-Gedenkdaten gabs heuer: den 135. Geburtstag und den 75. Todestag. Warum der große Egon Friedell auch heute noch ein guter Freund sein kann.

1878 war er geboren worden und 1938 hatte sich der bekannte Wiener Universalgelehrte Egon Friedell der Festnahme durch die Nazis mit einem Sprung aus dem Fenster seiner Wiener Wohnung entzogen. Das Friedell-Jahr 2013 fand seinen Niederschlag in diversen Feuilletons, was einerseits bewies, dass der Mann nicht völlig vergessen ist. Andererseits kramten etliche Journalisten leider das alte Klischee vom ‚genialen Dilettanten‘ wieder aus der Mottenkiste, wodurch etwas Augenzwinkerndes und Schulterklopfendes in ihre Texte kam. Man hatte teilweise ein wenig den Eindruck, die Betreffenden können nur schwer ertragen, dass da mal jemand nach Lust und Laune querdachte und Verbindungen schuf, auf die Fantasielose(re) niemals kommen. Ach, würde der liebe Gott nur tausende ‚Dilettanten‘ von diesem Kaliber auf die Erde schicken! Egon Friedell gehört zu der Handvoll Autoren, die mir schon in jungen Jahren wichtig waren und es bis heute geblieben sind. Seine „Kulturgeschichte der Neuzeit“ habe ich im Lauf der Jahrzehnte mehrmals durchgearbeitet, so sehr hat mich diese geniale und in ihrer Art einmalige Gesamtschau immer wieder fasziniert. Keiner meiner Lehrer hat mich je auch nur annähernd so für Geschichte, Literatur, Musik, Kunst und Philosophie begeistern können, wie Friedell mit seinem Hauptwerk. Was Originalität, Gedankenfülle und -dichte betrifft, bin ich nur einem einzigen vergleichbaren Autor begegnet: Friedrich Nietzsche, der übrigens irgendwo darüber schreibt, dass man sich auch über Jahrhunderte hinweg mit anderen Menschen verbunden und befreundet fühlen kann – allein auf der Grundlage ihrer Werke. Wie recht er doch hat!

Friedell, Egon: Kulturgeschichte der Neuzeit
Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg
Um ein Nachwort ergänzte Sonderausgabe
2. Auflage 2008. Rund 1600 S.: In Leinen
C.H.BECK ISBN 978-3-406-56462-8

Unter der langsam zerfallenden Maske der Zerknirschung und Reue erscheint nach und nach erneut das Gesicht eines ungebrochenen nationalen Narzissmus.

Als globaler Exporteur ist Deutschland Spitze. Wer daraus auf globales Verantwortungsbewusstsein schließen möchte, der irrt gewaltig.

„Tanz ist in einer beständigen Wandlung begriffen, in einem unaufhörlichen Fluß. Wie sich Spannungen und Entfesselungen ablösen, so wandert und wandelt sich mitunter eine bestimmte Tanzform in der erstaunlichsten Weise. Um ein Beispiel zu geben, das heut um so interessanter ist, als es einen Tanz negerischer Herkunft betrifft: die Mauren brachten von den afrikanischen Negern einen Tanz namens Chica nach Spanien; er wurde in Andalusien populär, so populär, daß man ihn als Tanz schlechthin bezeichnete: Fandango (wörtlich: Laßt uns tanzen). Seine Bewegung war ausgesprochen sinnlich-verführerisch. Er wanderte weiter nordwärts, nach Kastilien, und gelangte mit anderen spanischen Tänzen nach Paris, wo er geschliffen und hoffähig gemacht wurde. Als fertiger Gesellschaftstanz nahm er seinen Weg durch Europa; er wurde auch in Deutschland während des 18. Jahrhunderts getanzt, um an dessen Ende zu verschwinden. Aber ganz verschwunden ist er nicht; es gibt einen Fleck bei uns, wo er heut noch getanzt wird, vielleicht einzig in Europa außer in Spanien: das ist in Vierlanden bei Hamburg. Die dortigen Gemüsebauern haben ihn als einen ihrer echten, alten, schönen Volkstänze aufbewahrt, freilich in einer klar-heiteren, durchaus würdigen Form. Kein Mensch würde seine Herkunft von Negern vermuten. Er ist den Weg aller Tänze gegangen: von der entfesselten zur gehaltenen Form.“

Zitiert aus: Hans W. Fischer, „Körper, Schönheit und Körperkultur“, Berlin 1928 / Hervorhebungen von D. Gutnacht

Dieses Zitat stammt von einem Autor, der kein Rassist war, sondern ein gebildeter Mann und ein Schöngeist. Aus seiner Entstehungszeit heraus betrachtet, ist Hans Waldemar Fischers Text sogar recht einfühlsam und wenig diskriminierend, ein gut geschriebener und geistreicher Absatz über einen bestimmten Tanz und seine Geschichte.

Wir können daraus aber mehr und Grundsätzlicheres erfahren. Etwas über eine Charakterschwäche nämlich, die bei uns in Deutschland weit verbreitet ist: sich selbst zum obersten Wertmaßstab zu erheben und das Andere, das Ungewohnte, das Fremde von oben herab zu beurteilen. Getäuscht muss sich sehen, wer daran glaubte, dass Xenophobie, Überheblichkeit und Selbstverherrlichung nach den grauenhaften Ereignissen von 1933 bis 1945 in diesem Lande keinen sicheren Hafen mehr finden würden. Das Gegenteil ist der Fall.

Wer aktuelle Äußerungen über „die Bulgaren“, „die Rumänen“, „die Griechen“, „die Türken“, „die Russen“, „die Südeuropäer“, „die Muslime“, „die Kopftuchmädchen“, „die Asylanten“, „die Juden“ sowie über „die deutsche Lokomotive“, „das deutsche Vorbild“ und so weiter hört oder liest, wird schnell begreifen, dass Selbstlob und Fremdenschmähung auch heute in Deutschland zu Hause sind.

Jeder mit Grundkenntnissen in Psychologie und Geschichte weiß, dass das zur Schau getragene Wohlgefallen der Deutschen an sich selbst kein Zeichen von Stärke ist, sondern ein Beleg für den Mangel an Reife und echtem Selbstbewusstsein. Und er ahnt, dass noch sehr viel zu tun bleibt, bis man hierzulande ein ausreichendes Mindestmaß an geistiger Weite erreicht haben wird. Hoffentlich dauert es nicht zu lange. Angesichts der gewaltigen weltweiten Herausforderungen in den kommenden Jahrzehnten brauchen wir dringend ein verantwortliches, das heißt: über seine Egoismen und seinen Narzissmus hinaus denkendes und handelndes Deutschland.

BILD-Hetze

"Meisterleistung" der obszönen Giftmischer von BILD: Man beachte Standort, Alter, Größe und Körperhaltung des "Muslims" und des "Christen" und vergleiche mit den tatsächlichen Kräfteverhältnissen in unserer Gesellschaft.

Bremsen!

Gerhard Matzig von der SZ hat etwas gegen den Ausgang der Bürgerentscheide zur Winterolympiade 2022 in Oberbayern. Hanns N. Mair ist ‚dagegen dafür‘.

Anlässlich des eindeutigen „Nein“ der befragten Bürger zu einer Austragung der Olympischen Winterspiele 2022 in Bayern diagnostiziert Gerhard Matzig in „SZ-online“ einen „Paradigmenwechsel“, einen „gesamtgesellschaftlichen Gesinnungswandel“, ja sogar einen „Fingerzeig für westliche Demokratien insgesamt.“ Das Dagegensein sei „… in unserer Zeit viel virulenter und dominanter als das Dafürsein.“ Man solle sich fragen, „…ob man wirklich für alle Zeit das Dorf von Asterix sein will, für das man sich hält.“ Und er beklagt: „Das hätten die ökologischsten und nachhaltigsten Spiele der Welt werden können.“

Aber, lieber Herr Matzig, die Superlativen sind ja gerade das Problem! Die Losung „Schneller! Höher! Stärker!“ klingt so hohl wie nie, und dies weit über den Olympischen Gedanken hinaus. Wie ein Netz von Haarrissen durchzieht die westliche Welt die Ahnung, dass nach einem halben Jahrtausend superlativer Leistungen und Ereignisse höhenmäßig das Ende der Fahnenstange in Sicht ist.

Ob Weltverschmutzung, Schuldengebirge, Verlust jedes menschlichen Maßes – allenthalben wird deutlich: jener atemlose Weg der Daseinsbewältigung, den wir Neuzeit nennen, ist zur Sackgasse geworden, an deren Ende man sich weltweit und kollektiv den Kopf einzustoßen droht.

Selbstverständlich wird sich infolge dieser Ahnungen und zunehmend auch Erkenntnisse bei Vielen ein heftiges „Dagegensein“ gegen jedes „Weiter so!“ entwickeln. Was auch sonst? Im Straßenverkehr nennt man sowas eine „Vollbremsung“. Die dient in der Regel dazu, den Karren nicht mit hundert Sachen an die Wand zu fahren.

Während dieser Notmaßnahme wird kaum jemand daran denken, wie er die Zukunft sinnvoll gestalten soll. Das wird erst wieder geschehen können, wenn die Menschheit ihr durchgeknalltes Höllenmobil sicher zum Stehen gebracht hat. Danach wird man – um im Bild zu bleiben – den Fahrstil überdenken und sehr wahrscheinlich auch das bisherige Fortbewegungssystem grundsätzlich in Frage stellen müssen.

Sie beschreiben dieses zeitlupenartig wirkende gesellschaftliche Vollbremsen so, dass „… man auf dem Manufactum-Sofa inmitten eines neobiedermeierlichen Zeitgeistes verharrt.“ In gewisser Weise mögen Sie damit recht haben, denn so sieht es, oberflächlich betrachtet, im Moment vielleicht wirklich noch aus.

Aber man täusche sich nicht: unter dieser Oberfläche vollzieht sich die Vorbereitung eines gewaltigen Gerumpels, an dessen Ende die Welt spektakulär anders aussehen wird als heute. „Stuttgart 21“ oder „Olympia 22“ sind nur winzige Vorspielsymptome davon, genau wie die Abwahl der primitivmaterialistischen Freien Demokraten, die mit fanatisch leuchtenden Augen weiter an den Wachstums- und Größenwahn uralter Prägung glauben.

Unsere Aufgabe im Moment ist also erst mal, zur Notbremsung beizutragen. Wenn sie nicht gelingt, gnade uns Gott. Wenn wir sie jedoch in akzeptablem Zustand überstehen, werden wir hoffentlich zum ersten Mal seit langem wieder bereit und offen sein für Grundsätzliches. Olympiaden bisherigen Zuschnitts werden dazu sehr wahrscheinlich nicht mehr gehören.

Mehr zum Thema:
"Brauchen wir das?" von Franz von Ramersdorf

Der oft Verkannte

Da gibt es die eingeschworene Fangemeinde, die ihn verehrt. Manche ihrer Mitglieder beten ihn vielleicht zu heftig an. Liest man gewisse Threads auf YouTube oder anderswo, hat man den Eindruck, diese Premium-Gläubigen fänden noch ihr eigenes Todesurteil zum Kreischen, wenn es ihnen nur vom Meister persönlich verkündet würde. So was ist auch eine Art, Helge Schneider nicht gerecht zu werden. Es gibt andere, weitaus schlimmere.

Der 1955 in Mülheim an der Ruhr geborene Helge Schneider wird von der Mehrzahl derer, die ihn wahrnehmen, als Blödelbarde eingeordnet. Man hört irgendwo einen seiner bekannteren Songs – „Katzeklo“ oder „Telefonmann“ oder „Es gibt Reis, Baby“ – und schon ist die passende Schublade zielsicher erkannt, geöffnet und wieder geschlossen: Pubertäres Zeugs, Klamauk, weg damit!

Das Multitalent

Schade, Leute! Ihr bringt euch vorschnell um die Bekanntschaft mit einem großartigen Multiinstrumentalisten. Mit einem Sprachjongleur ersten Ranges. Mit einem supergenauen Beobachter des Alltags. Mit einem profunden Jazzmusiker und Improvisierer. Mit einem Imitator, der gerade eben noch den „Erzgebirge-Männchenschnitzer-Blues“ gesächselt hat und dann Udo Lindenberg oder Elvis Presley stimmlich auf die Bühne stellt, als stünden sie leibhaftig dort.

Wer sich jahre- und jahrzehntelang über die Eindimensionalität, die Provinzialität und die Plattheit deutschen Humors beschwert hat, der müsste Helge Schneider lieben, sollte man denken. Aber es gibt da ein Problem: Helge Schneider hält sich an kein Schema. Er macht, wozu er Lust hat. Er ist unberechenbar. Er lässt sich kein Gängelband anlegen. Er hasst Oberlehrer, die ihm sagen wollen, was er zu tun oder zu lassen hat. Er ist so frei, völlig frei zu sein. Das überfordert viele Konsumenten.

Der genaue Beobachter

Helge Schneider hat Schule, Ausbildung, Kurse abgebrochen, um sich stattdessen Tag für Tag ins Stehcafé zu stellen und Menschen zu beobachten. Deshalb sind die Figuren, die er in seinen Bühnennummern vorstellt, alle aus Fleisch und Blut. Wenn er einen Sankt-Martins-Umzug im Sauerland beschreibt, ist das natürlich auch eine höchst skurile Angelegenheit, bei der es einen gedopten Skispringer in der Luft zerreißt.

Aber die verfickte Kindergärtnerin, die sich über ihren Friseur ärgert und auf deren Lacklederrock ein Riesenfleck ist, weil sie gestern beim Knutschen in der Kneipe in einer Eierlikörpfütze gesessen hat, und die sich ärgert, weil sie mit den Kindern nicht über ihre Nächte reden kann, die ist so echt wie das pure Leben. Genau wie die Kindlein mit ihren kalten Füßchen und mit Laternen, deren Sechsvoltlämpchen nicht leuchten, weil die Batterien in der Kälte längst ihren Geist aufgegeben haben.

Der Solitär

Helge Schneiders Humor wirkt tatsächlich zunächst oft vordergründig und flach. Aber dahinter öffnet sich fast immer eine Tiefe, die unter deutschen Komikern und Humoristen ihresgleichen sucht. Und wenn die Oma im Altersheim das Fenster nicht öffnen kann, weil es aus ökonomischen Gründen gar kein Fenster gibt, sondern nur ein Fensterimitat mit starrem Griff, dann lässt Helge Schneider die alte Frau schicksalsergeben seufzen: „Ach, ich habe keine Kraft mehr …“.Man könnte losheulen, so genau ist das gesehen.

Der Mann schreibt seit vielen Jahren deutsche Humorgeschichte, Leute! Ein Solitär! Ein Riese! Er schenkt der Welt seinen originären, intelligenten, wunderbaren, querdenkerischen, grotesken, schrillen und faszinierenden deutschsprachigen Humor. Da kann man schon mal den Hut ziehen, oder?

Kriegerdenkmal

64 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat die Gemeinde Seefeld im Fünfseenland westlich von München Konsequenzen gezogen. 2009 ergänzte sie auf dem Kriegerdenkmal im Gemeindeteil Hechendorf die Widmung „IHREN GEFALLENEN HELDEN – DIE DANKBARE GEMEINDE“ wie folgt:

„WIR GEDENKEN DER OPFER VON KRIEG UND GEWALT. KRIEG KENNT TÄTER UND OPFER. KEINE HELDEN.“

Frauen, die sich trauen

Herr Lagerfeld, diese im Öl der Selbstgefälligkeit eingelegte hanseatische Trockentomate, hat Frau Merkel kürzlich wegen ihres Äußeren kritisiert. „Sie sollte wohl etwas weniger Farbe tragen und jemanden finden, der ihr bessere Hosen schneidert. Der Schnitt der Hosen ist nicht gut“, soll er gesagt haben.

Der Mann hat ja keine Ahnung. Die Hosen der Kanzlerin sind definitiv das Beste an ihr, gerade weil sie zumindest eine bescheidene Angriffsfläche bieten. Ansonsten vermeidet die Dame – im Gegensatz zu Herrn C., dem Namensgeber ihrer Partei – ja alles, worauf man sie festnageln könnte.

Viele nennen das klug. Oder wenigstens schlau. Wir könnten es ruhig auch mal blass nennen. Oder opportunistisch. Oder schlicht: feige.

Dagegen die Frauen, die sich was trauen! Die auch mal Kante zeigen, Anstoß erregen, Position beziehen. Und zwar ohne vorher den Finger in den Wind zu halten. Frauen, wie die Dame im Bild. Die hat einen Riesenvorsprung vor ihrer Regierungschefin, zumindest was den hosenmäßigen Mut betrifft.

Mit der politischen Satireshow „Al Barnameg“ hat der Ägypter Bassem Youssef gezeigt, wie man in einem arabischen Land den Sprung von YouTube ins Fernsehen schafft.

Bassem Youssef

wurde 1974 geboren und ist von Beruf eigentlich Herzchirurg. Die Revolution auf dem Tahrirplatz im Januar und Februar 2011 brachte ihn dazu, fünfminütige Sendungen unter dem Titel „Die Bassem Youssef Show“ auf YouTube zu verbreiten. Darin machte er sich lustig über die krassen Widersprüche zwischen dem, was im Land real passierte und dem, was vom Mubarak-Regime, dessen Nachfolgern und den Medien daraus gemacht wurde. Seine Internet-Show nach dem Vorbild der „Daily Show“ des amerikanischen Komikers und Showmasters Jon Stewart war so erfolgreich, dass sich bald ein privater Fernsehsender für die Idee interessierte.

Die Sendung

Nach einigem Zögern entschied sich Youssef, das Angebot anzunehmen. Seine TV-Show „Al Barnameg“ wurde zu einem der beliebtesten Programme im ägyptischen Fernsehen. „Die Sendung“ – so die Übersetzung des Titels – erscheint inzwischen wöchentlich beim Sender CBC und trägt dazu bei, dass der Blick der Ägypter auf Politik und Medien des Landes geschärft bleibt. Das hat Bassem Youssef natürlich Feinde gemacht, vor allem bei den Anhängern von Präsident Mursi. Immer wieder versuchen sie, mit juristischen Mitteln gegen die Show vorzugehen, was deren Erfolg aber bisher nicht schmälert.

Ein Beispiel macht Schule

Das folgende Zitat stammt aus der Übersetzung einer Rede, die Bassem Youssef 2012 vor dem „Global Philanthropy Forum“ gehalten hat.

„Was als 5-Minuten-Episoden begann, … verwandelte sich in eines der meistgesehenen Programme Ägyptens. Allein auf YouTube haben wir im Moment rund 60 Millionen Aufrufe. Unsere 20minütige Satireshow hat einen signifikanten Einfluss darauf, wie Menschen die Medien und die Politik betrachten, mehr als die endlosen Talkshows, die wir Abend für Abend sehen.
Jedes Mal, wenn ich jetzt zu YouTube gehe, finde ich mehr und mehr junge Leute, die dort ihre eigene Show starten. In ihren eigenen vier Wänden. Mit einer Kamera. Viele von ihnen zollen unserer Show Respekt dafür, dass sie sie dazu inspirierte. Und das macht mir Hoffnung.
Die sozialen Medien sind so ein machtvolles Instrument in Ägypten. Vor zwei Jahren waren Twitter und Facebook in unseren Augen nur was für die Kleinen. Heute wird jede politische Aussage im Internet genau untersucht, persifliert und in Stücke gerissen. Facebook, Twitter und YouTube sind zu den neuen Medien geworden. Sie sind so schnell, dass die altgedienten Nachrichtenmoderatoren, die vorher die einzige Informations- und Meinungsquelle gewesen waren, den neuen sozialen Medien immer ein oder zwei Schritte hinterherlaufen.“

Interessanter Link: